Meine Erwartungen waren gross, das Buch der Booker-Preisträgerin Rahel Kushner zu lesen. Auch die Besprechung im Tages-Anzeiger war vielversprechend. Die Lektüre war unterhaltsam, zugegeben sprachlich gut und geschliffen geschrieben, auch wenn ich mich langsam in der Mitte des Buches anfing zu fragen, ob denn der Spionageroman (gemäss Buchumschlag) abhandengekommen ist.
Viele Einschübe zur regionalen Geschichte und zu den Neandertalern (und deren Nachfolgern) machten die Lektüre langsam langweilig. Und dann, ja dann wird auf Seite 330 aufgezählt, was die Ich-Erzählerin Sadie Smith alles an “Material” in ihrer Bleibe versteckt hat: vier Pistolen, Laptop, Hochleistungsfernglas, Kameras, Satellitenempfänger. Und man fragt sich, ob sie dies alles im Beauty Case transportierte, als sie mit ihrem Freund Lucien mit dem TGV von Paris nach Marseille fuhren, wo er anfing, einen Dok-Film zu drehen und sie die Gruppe der Umweltaktivisten über Wochen infiltrierte?
Der Showdown kommt dann überraschend schnell, die Auftraggeber von Sadie bleiben völlig im Hintergrund, und dann kommen bei ihr urplötzlich Gefühle auf, die der weiterhin unerkannte Bruno Lacombe auslöst. Ein spezieller Roman, intelligent und mit viel Hintergrundwissen geschrieben, aber wegen diesen vielen Einschüben auch wenig stringent – und definitiv kein Spionageroman.