Ein Mann steht vor der Tür. Er behauptet, früher in diesem Haus gewohnt zu haben und wird hereingelassen. Schon diese Ausgangssituation hat mich sofort gepackt. Was zunächst wie eine harmlose, vielleicht etwas skurrile Begegnung wirkt, kippt schleichend in etwas zutiefst Beunruhigendes.
Marcus Kliewer spielt raffiniert mit der Wahrnehmung seiner Leser*innen. Informationen wirken anfangs lose eingestreut, beinahe zufällig, doch nach und nach setzen sie sich zu einem verstörenden Gesamtbild zusammen. Man beginnt zu zweifeln: Wer sagt hier die Wahrheit? Wem kann man trauen? Und habe ich vielleicht selbst ein wichtiges Detail übersehen? Genau dieses Spiel mit Unsicherheit und Erwartung erzeugt eine dichte, unterschwellige Spannung, die lange nachhallt.
Im Mittelteil nimmt sich der Roman etwas mehr Zeit. Die Handlung zieht sich stellenweise leicht und bei den komplexen Zusammenhängen hätte ich mir hier und da sogar noch mehr Ausarbeitung gewünscht. Auch die eingeschobenen Passagen sind atmosphärisch gelungen, bremsen aber gelegentlich den Lesefluss.
Das Ende lässt nicht jede Frage eindeutig beantwortet zurück, was mich zunächst etwas unentschlossen zurückliess. Gleichzeitig passt diese Offenheit sehr gut zum Grundthema des Romans.
Insgesamt ein verwirrendes, klug konstruiertes und atmosphärisches Buch, das mit Erwartungen spielt und im Gedächtnis bleibt.