Was bleibt, wenn sogar die Hoffnung tot ist?
Die weisse Nacht ist ein historisch fundierter Roman, der das Format des Krimis als ideale Bühne nutzt, um die Gräueltaten der (Nach-)Kriegszeit in einen Roman statt ein Sachbuch verpacken zu können. Genauer gesagt geht es um den Hungerwinter 1946 in Berlin. Durch verschiedene Erzählstränge, die aber zeitgleich laufen, ermöglich Anne Stern als promovierte Germanistin und Historikerin einen unglaublichen Einblick in die menschlichen Abgründe, das Misstrauen, die Wut, die Willkür, den Machtmissbrauch und die Hoffnungslosigkeit dieser Zeit, aber auch die Lichtblicke durch das Engagement und die Integrität Einzelner. Es ist mehr als nur ein Einblick: Anne Stern macht es erlebbar, durch bewegend präzise Beschreibungen, eine klare Sprache und die gelungene Balance der Schwere der historischen Fakten und der Zugänglichkeit durch das Krimi/-Romanformat.
Es ist der erste Band einer ganzen Reihe. Entsprechend werden am Ende nicht alle Handlungsstränge aufgelöst und nicht alle Details geklärt - was aber nebst des Formates einer Krimireihe auch wieder zum Misstrauen und der Verschwiegenheit dieses Hungerwinters passt. Tatsächlich spielt dieser Auftaktkrimi während 18 Tagen im Dezember 1946. Jede Figur bringt ihre ganz eigenen Schatten mit. Ein Teil davon wird über das Buch hinweg fassbar, ein Teil bleibt wage und fragmentiert - wie wohl, geschuldet der Zeit, auch das Bewusstsein dieser Personen selbst.
Das einzige, was ich mir vielleicht zusätzlich gewünscht hätte, wäre ein weiterer Epilog zum historischen Rahmen gewesen, um die durch den Krimi erfahrenen Einzelschicksale in den grösseren, historischen Kontext setzen zu können.
Anne Stern hat einen spannenden historischen Krimi geschaffen. Ein stiller Aufschrei, tosend in seiner totgeschwiegenen Ungerechtigkeit. Absolut empfehlenswert!