Parallelen im Leben des Autors und jenem seines Hauptprotagonisten Robert sind offensichtlich. So sehr, dass ich neugierig bin, welcher zweite Vorname sich hinter dem R von Martin R. Dean verbirgt.
In diesem Roman mit dem treffenden Titel “Meine Väter”, geht Robert, der im aargauischen Menziken aufgewachsen ist, auf die Suche nach seinem leiblichen Vater Ray, den er nie kennengelernt hat. Ray stammt aus Trinidad & Tobago. Er findet heraus, wo dieser lebt und reist dorthin, um ihn zu sehen und kennenzulernen. Auf das, was ihn erwartet, war er nicht gefasst. Einen Greis am Ende seines Lebens, ein Mann, der die Sprache verloren hat und verwirrt ist. Seine Familie hat Robert in der Schweiz zurückgelassen, die Warnungen seiner Frau Leonie missachtend. Robert setzt seine Spurensuche fort und macht sich weiter auf die Reise nach seiner Herkunft, nach der Geschichte seines Vaters, dessen Familie und Lebensumstände in früheren Jahren. Er möchte die “Wahrheit” erfahren. Dabei trifft er auf viele weitere Personen, unter anderem spielt da auch sein Stiefvater Neil, der die Vaterrolle übernommen hatte, eine Rolle.
Man wird mitgenommen, vor wichtige Fragen gestellt, nicht nur jener, wie wichtig unsere Herkunft ist oder wie wichtig sie sein darf, sondern auch vor Fragen, welche die Gesellschaft betreffen und ich habe auch neue geschichtliche Erkenntnisse mitgenommen.
Das Buch war für mich keines der leichtfüssigen Art. Zwar hat sich der rote Faden immer gut wahrnehmen lassen, oft gezeichnet durch die obsessive Art von Robert, unbedingt allem auf den Grund zu gehen. Daneben haben mir die oft etwas ausschweifenden Abschnitte, oft mit Diskussionen gefüllt, etwas schwer gemacht. “Meine Väter” in deutlich gestraffter Form, den Schreibstil aber beibehaltend, hätte mir besser gefallen.
Bewertung 3.5 gefühlt, auf 4 aufgerundet.
- Der Lederkoffer, von dem ich geträumt habe, liegt auf dem Schrank in Rays Zimmer. …
Es ist, als würde ich die Habseligkeiten eines Strafgefangenen durchwühlen. Ray sitzt hier den Rest seines Lebens ab. Als Strafe für seine Unterlassungen, Lügen und Irrtümer.
- “Ich empfinde das Verhältnis von Sohn und Vater heute als etwas Mystisches”, sage ich. “Ich kann es drehen und wenden, wie ich will. Einerseits ist mir dieser Ray nicht mehr als ein ferner Verwandter, wie mir übrigens auch mein Stiefvater Neil immer als solcher erschienen ist. Andererseits spüre ich, dass ich nicht an ihn denken kann, ohne dass meine Gedanken durch das Geheimnis - oder den Zufall - der eigenen Geburt hindurchgehen. Ich bin gefangen in diesem Verhältnis, das ich ja immer selber herstellen musste. Nichts ist selbstverständlicher, als seinen Vater an seiner Seite zu haben. Fehlt er aber, so wird seine Erfindung zu einer lebenslangen Beschäftigung.”
- “Ich mag mich noch nicht ganz von dir trennen, Ray. Ich bin müde und muss mich zuerst erholen, bevor wir diese Sache in Angriff nehmen können. Und eigentlich sehne ich mich nach Leonie und meiner Tochter, deiner Grosstochter, das kannst du sicher nachvollziehen, obwohl ich nicht weiss, ob du jemals Sehnsucht hattest nach deinen Kindern. Ja, mir ist, als würde ich langsam aus einem Traum erwachen. Auf deinen Spuren habe ich meine Familie fast vergessen. Habe mich von ihnen entfernt, wie du dich immer von deinen Familien entfernt hast. Dein Schatten verfolgte mich immerzu. Aber ich bin nicht wie du. Ich sehne mich nach den Zahnlücken meiner Tochter. …”