„Alias Grace„ erzählt die Geschichte der realen Grace Marks, die im 19. Jahrhundert wegen eines Doppelmordes verurteilt wurde. Atwood baut den Roman aus verschiedenen Teilen auf: Grace erzählt selbst aus der Ich-Perspektive, dazu kommen Briefe, historische Texte und Gedichte aus dieser Zeit. Das ist klug gemacht und gut recherchiert.
Was mir am besten gefallen hat, sind die Passagen, in denen Grace selbst spricht. Dort entsteht Nähe. Man spürt, wie hart das Leben damals war, vor allem für Frauen. Männer durften fast alles. Frauen mussten moralisch einwandfrei sein. Wenn etwas schiefging, war meist die Frau schuld. Und wenn eine Frau nicht ins Bild passte, wurde sie schnell als hysterisch oder verrückt erklärt. Die damalige „Wissenschaft“ wirkt heute wie eine Ausrede, um diese Ungleichheit zu rechtfertigen.
Atwood zeigt diese patriarchale Gesellschaft sehr deutlich. Man merkt beim Lesen sofort, wie arrogant und selbstsicher viele Männer auftraten und wie selbstverständlich Frauen beurteilt und eingeordnet wurden. Das ist stark gemacht.
Trotzdem bleibt für mich ein Abstand. Es ist eine sehr gut erzählte, spannende Geschichte, die einen über 600 Seiten bei der Stange hält. Aber für mich ist es eher ein gut konstruiertes Erzählen für viele als Literatur, die offen bleibt und lange nachwirkt. Es ist gut gemacht und beeindruckend, aber es fühlt sich mehr nach durchdachtem Storytelling an als nach einem Text, der mich innerlich wirklich erschüttert.
Dass es eine Netflix-Serie dazu gibt, überrascht mich nicht. Der Roman ist perfekt dafür geeignet.
📚 Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil