VERMUTUNGEN
Wir haben in unserem Senioren-Lese-Zirkel zwei gegenteilige Ansichten vertreten, sind uns jedoch einig, dass es sich bei diesem Buch um ein typisches Modiano-Werk handelt: Erinnerungen werden wachgerufen und Identitäten gesucht.
Die Kritiker des Buches monieren, es fehle ihm an Substanz: „Wir hätten gerne gewusst, wo sich Dora Bruder nach ihrer Flucht aufgehalten hat. Vor allem ihre Charakterisierung als «rebelle, indépendante, à la fois juive et mineure en cavale (p. 64) «(das Deutsch mit abenteuerlustig übersetzt worden ist, obwohl es im Petit Robert heisst: «Person, die sich davonmacht auf der Suche nach erotischen Abenteuern», bietet doch genug Stoff für eine fiktive Aufarbeitung."
Ein anderer Leser findet es „mutig", mit derart wenig Informationen einen Roman schreiben zu wollen. Er zitiert «Sahras Schlüssel» von Tatiana de Rosnay, und «The boy in the striped Pyjama» von John Boyne: „Da werden die schrecklichen Erlebnisse und Emotionen zweier Jugendlicher unter dem Nazi-Terror geschildert, während wir hier eine Auflistung von Dokumenten, Protokollen vorfinden."
Wir fragen uns, wieso Modiano Doras Geschichte nicht so aufbereitet hat, wie diejenige Robert Tartakovskys, dessen Abschiedsbrief ein paar Seiten (pp. 121-127) einnimmt, oder die Geschichte von Jean Jausion, dessen jüdische Freundin von den Nazis gefangengenommen wurde und der sich an ihnen rächte. (p. 120)
Die Gruppe findet, dass Modiano Doras Geschichte zu sehr mit seiner eigenen verflochten ist. Die Gruppe anerkennt zumindest, dass der Autor das Werk nicht Roman nennen wollte, sondern eine Mischung aus Autobiographie, Autofiktion, Recherchen zur Okkupation und Anklage gegen die Unmenschlichkeit der Verbrechen schrieb. Mit diesem Ansinnen verzettelt sich der Autor. Schliesslich einigen sich die Kritiker auf einen dokumentarischen Roman, hätten aber gerne mehr Fiktion gehabt, vor allem unter dem gegebenen Titel.
Anders sehen es die Befürworter des Buches: "Er will den Vergessenen aufgrund des in einer Zeitung gefundenen Such-Inserates
«PARIS: ON RECHERCHE une jeune fille, Dora Bruder, 15 ans, 1 m. 55, visage ovale, yeux gris marron, manteau sport gris, pull-over bordeaux, jupe et chapeau bleu marine, chaussures sport marron. Adresser toutes indications à M. et Mme Bruder, 41, boulevard Ornano, Paris.»
eine Spur verleihen, ankämpfen gegen das Vergessen und die gleichgültige Unmenschlichkeit der Besetzer und der Verwaltung des Vichy-Regimes anprangern."
Sie befinden, Modiano sei es gelungen, die Identität Dora Bruders zu anonymisieren und dadurch ihr Leid zu potenzieren und in Abertausenden gleichen Schicksalen zu spiegeln.
„Er hat vergeblich 10 Jahre nachgeforscht, um möglichst viel über eine für die Besetzer bedeutungslose Existenz zu erfahren. Erschwerend der Umstand, dass Zeitzeugen nicht mehr leben, dass viele Archive vernichtet wurden. So muss er stets auf Vermutungen zurückgreifen: «J’ignore» (ich weiss nicht, ich frage mich) und Reihen von unbeantworteten Fragen durchziehen das ganze Buch als Leitmotiv, oder wie ein Analyst formuliert, «als Sackgassen».
Ein besonderer Verdienst sei es, dass Modiano aus Orten in Paris Personen der damaligen Zeit erspürt.
FAZIT: Ein tragisches Buch, das die Leserschaft spaltet.