Nachdem mich Kristen Ciccarelli mit “Heartless Hunter” total begeistern konnte, freute ich mich riesig auf “Rebel Witch”. Es dauerte jedoch einige Kapitel, bis ich wieder vollständig in der Welt, den Konflikten und den Figuren angekommen war. Sobald dieser Punkt erreicht war, zog mich die Handlung aber erneut hinein. Die Flucht, die Bedrohung und die offenen Rechnungen aus Band 1 sorgten schnell wieder für Spannung.
Rune ist in diesem Band deutlich zerrissener als zuvor. Ihre innere Unsicherheit, ihre Schuldgefühle und die Frage, wofür sie stehen will, prägen ihr Handeln stark. Das machte sie für mich nicht immer einfach, aber sehr nachvollziehbar.
Gideon hat mir erneut gut gefallen, besonders weil er verletzlicher und widersprüchlicher dargestellt wird. Zwischen den beiden liegt viel Schmerz, Misstrauen und unausgesprochene Gefühle, was ihre Dynamik intensiv, aber auch anstrengend macht.
Da Flucht, Verfolgung und wechselnde Allianzen den Ton bestimmen, bleibt die Geschichte durchgehend in Bewegung. Gleichzeitig empfand ich den Mittelteil stellenweise als etwas zäh, da sich Situationen und Gedankengänge wiederholten. Die moralischen Grauzonen sind weiterhin eine grosse Stärke und zeigen, dass es hier kein klares Gut oder Böse gibt.
Besonders überzeugt hat mich, wie vielschichtig die Geschichte angelegt ist. Es gibt hier keine klaren Held:innen oder eindeutigen Feindbilder, weder auf Seiten der Hexen noch bei den Jägern. Stattdessen werden alle Figuren mit ihren Schwächen, Widersprüchen und Fehlern gezeigt. Gleichzeitig wirkt die Stimmung insgesamt düsterer, intensiver und deutlich härter. Cressida ist als Gegenspielerin kaum erträglich, entfaltet aber gerade dadurch eine enorme Präsenz.
Das Finale wirkte auf mich etwas zu glatt und zu schnell abgehandelt. Einige Konflikte hätten mehr Raum verdient, um wirklich nachzuwirken.
Kristen Ciccarellis Schreibstil bleibt fesselnd, bildhaft und atmosphärisch. Besonders die emotionalen Passagen sind intensiv und gut greifbar. Die Perspektivwechsel funktionieren erneut sehr gut und lassen tief in die Gefühlswelt der Figuren blicken.
Fazit:
“Rebel Witch” ist ein emotionales, spannendes Finale, das viele Stärken des ersten Bandes aufgreift, aber nicht ganz dessen Niveau erreicht. Die Beziehung zwischen Rune und Gideon bleibt voller Sog, Schmerz und Spannung. Gleichzeitig hinterlässt das Ende das Gefühl, dass diese Welt noch mehr Raum verdient hätte. Trotz kleiner Kritikpunkte ist es ein würdiger Abschluss einer intensiven und kreativen Dilogie, die mir insgesamt sehr gut gefallen hat.
(4.5 Sterne)