“Frost” ist die Geschichte einer Nachstellung. Ein Medizinstudent wird beauftragt, den Bruder seines Assistenzarztes, einen Kunstmaler, zu beobachten. Darüber führt der Medizinstudent Tagebuch.
Es enstpannt sich eine eisige Atmosphäre, die schon im Buchtitel angekündigt wird. “Frost” meint nicht nur die menschliche Kälte des Arztes, der statt seinen vereinsamten Bruder selbst aufzusuchen, den ahnungslosen Studenten dazwischenschaltet. Das Buch führt die Brutalität der Medizin gnadenlos vor Augen. Gliedmassen werden amputiert, der Zynismus der Ärzte, die ohne Heilungserwartung ihre Patienten zu hoffnungslosem Strandgut degradieren, geht unter die Haut.
Schrieb noch Gottfried Benn einen sanften Nachruf auf die kleine Aster, die er selbst operierte, so zeichnet sich in “Frost” eine seelenlose Welt der Nüchternheit und der Rationalität, in der der Mensch selbst als Maschine begriffen wird:
Wie das Gehirn plötzlich nur mehr Maschine ist, wie es noch einmal alles exakt herunterhämmert, womit es Stunden und Tage, ja Wochen vorher geschlagen, malträtiert worden ist. Wie ein Wort eine ganze Lawine von folgerichtigen Wörtern, ganze Stadtteile von Wortkonstruktionen in die Bewegung zur Tiefe setzt und nicht die geringste Auslassung zuläßt, ja zulassen kann. Als zöge ein zwergenhafter Diktator, unsichtbar, wenigstens für den Menschen unnahbar, an einem ungeheuren Mechanismus, der alles und alles in Gang setzt, […].
Die Anklänge an Sigmund Freuds These des reinen, leeren, mechanischen Ichs, welches den Zwängen der Vergangenheit gänzlich ausgeliefert ist, ist hier unüberhörbar. Im Wissen, die Naturgesetze durchschaut zu haben, stellt sich der Mensch über sie, fühlt sich nicht mehr als Teil eines grösseren Ganzen und schon gar nicht eins mit anderen Lebewesen. Die Zugfahrt wird zum eindrücklichen Beweis für diese innere Distanzierung und Abhärtung gegenüber dem, was Karl Jaspers das Schicksal genannt hatte: Leid, Schuld, Kampf und Tod und sei es auch das eines Vogels:
Als ich aufwachte, sah ich wieder die Blutspur. […] Sie war von einem zerquetschten Vogel ausgegangen, den das plötzlich emporgesauste Fenster in der Mitte abgedrückt hatte. Vielleicht schon vor Tagen.
Die Geschwindigkeit des vorbeifahrenden Zuges, gegen die die Fluggeschwindigkeit des Vogels zwangsläufig scheitern muss, erinnert hier an die zwei Tempi, die Rudolf Koller in seiner “Gotthardpost” dargestellt hat. Ein blinder - ob tatsächlich oder nur unter dem Geschwindigkeitsrausch stehender - Kutscher peitscht die verängstigten, sich aufbäumenden Pferde voran. Das Kalb in der Schwebe. Der Bildbetrachter ebenfalls. Fragt sich: Wird das Kalb überfahren werden oder es doch noch unbeschadet an die andere Strassenseite schaffen?
Meisterhaft, Kollers Zeitkritik und ebenso meisterhaft Bernhards messerscharfe Analyse. Denkt man Freud, Koller und Bernhard zusammen, dann zeichnet sich die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ab. Einer steht für ein mechanistisches Menschenbild, das die Wissenschaft seit Descartes bis heute durchzieht, die anderen zwei für die Ursachen und Probleme, die eine solche Denke mit sich bringt.
Bernhards “Frost” endet tatsächlich mit dem Verschwinden des verfolgten Bruders. Die aufwändige Protokollierung seines Kommens und Gehens hat ihm dem Arzt nicht nähergebracht, sondern im Gegenteil zur vollständigen Auflösung seiner Person geführt.
Die Auflösung des Menschen - das Kernthema dieses aufwühlenden Buches.