Wir schreiben den Oktober 2016 in Minneapolis, einer Stadt, die grau, kalt und durch den bevorstehenden Wahlkampf sowie eine grosse Konferenz der Waffenlobby aufgeheizt ist. Mittendrin steht Detective Bob Oz, der trotz seines massiven Liebeskummers und Alkoholproblems an seinem markanten, senfgelben Kaschmirmantel festhält. Bob ist eigentlich suspendiert – seine Wutausbrüche und mangelnde Impulskontrolle haben ihn aufs Abstellgleis befördert –, doch als ein vermeintlicher Drogendealer angeschossen wird, beisst er sich fest. Er ahnt, dass hinter dem Opfer mehr steckt als ein gewöhnlicher Krimineller, und beginnt eine Jagd durch die schneidende Kälte Minnesotas, bei der die Grenzen zwischen Gesetz und Rache zunehmend verschwimmen.
Besonders stark ist dabei die Atmosphäre des Romans. Der Autor schafft es die Trostlosigkeit und die soziale Kälte in den ärmeren Vierteln einzufangen, was das Setting fast an einen skandinavischen „Nordic Noir“ erinnert, nur eben verpflanzt in den amerikanischen Mittleren Westen. Bob Oz ist sicher kein Sympathieträger auf den ersten Blick, aber seine Zerrissenheit, die „Verlassenheitswut“ nach der Trennung von seiner Frau Alice und sein zynischer Blick auf die Welt verleihen ihm eine faszinierende Tiefe als „Rogue Cop“, der Regeln bricht, aber das Herz am rechten Fleck hat. Zudem webt das Buch aktuelle Themen wie Waffenwahn, politische Spaltung und die Macht der Lobbyisten geschickt in den Plot ein, ohne dabei belehrend zu wirken.
Allerdings sollte man wissen, dass der Roman Geduld erfordert. Er ist kein Action-Feuerwerk von der ersten Seite an, sondern nimmt sich Zeit für Bobs Innenleben und die Beschreibungen, weshalb man sich durch einen etwas ruhigeren Mittelteil arbeiten muss. Zudem verlangt das Finale dem Leser einiges ab, da die Geschichte gegen Ende eine Wendung nimmt, die den Boden des realistischen Polizeikrimis verlässt und fast ins Groteske abdriftet – ein mutiger Schritt, der sicher nicht jeden Geschmack trifft, aber definitiv im Gedächtnis bleibt. Insgesamt ist „Minnesota“ ein düsterer, melancholischer Thriller, der eine Geschichte über Trauer, Rache und die Frage erzählt, wie weit ein Mensch gehen darf, wenn das System versagt.
Wer Krimis liebt, in denen die Stadt genauso eine Hauptrolle spielt wie der Ermittler, und wer nichts gegen gebrochene Helden mit einem Hang zur Selbstzerstörung hat, für den könnte „Minnesota“ genau der richtige Griff ins Buchregal sein.