Heute, 7. Februar 2026, vor genau zehn Jahren starb Roger Willemsen. Ein herber Verlust für alle, die wir sein Gedankenkräuseln, seinen Scharfsinn, seine literarische und politische Umtriebigkeit liebten.
Seine Doktorarbeit über die Epiphanie bei Musil - ein Klassiker. Könnte man heute wohl so nicht mehr schreiben.
Er selbst brachte als allererster die Miseren des Unibetriebs zu Wort. Viertausend Papierseiten Korrekturarbeit pro Semester, Zwänge, bei denen seine Sehnsucht, die Welt mit Bleistift und Notizbuch zu erkunden, eindeutig den Kürzeren zog.
Eines Tages sei er sich einer Fassadenverzierung gewahr geworden, an der er wohl schon jahrelang vorbeigelaufen, die ihm aber erst jetzt aufgefallen war. In diesem Augenblick, schilderte er später, entschloss er sich, der Uni den Rücken zu kehren.
Es entstanden wunderbare Bücher wie “Afghanistanreise”, “Deutschlandreise”, “Die Enden der Welt”, “Der Knacks”, “Das hohe Haus” sowie eindrückliche Reden und Interviews, die bis heute kaum an Aktualität eingebüsst haben.
Der Systemsprenger Willemsen erwies sich als einer der feinfühligsten, grossherzigsten und weitsichtigsten Denker seit Langem.
In den Einstiegszeilen aus dem “Knacks” wird deutlich, wie Willemsens Texte schwammartig alles aufsaugen und zu einem kunstvollen Gewebe voller Melancholie verbinden. Es ist dies ein Buch darüber, wie ein Leben bricht, nichts ist mehr wie vorher. Nichts ist rein Persönlich bei Willemsen, es verwebt sich mit dem Psychologischen, Philosophischen und Politischen. Auch die Soziologie kommt in diesem Buch nicht zu kurz:
Mein Vater starb letzten August. Das ist jetzt bald vierzig Jahre her. Der Tag war so heiß, dass die Vögel unter den Blättern blieben und alles ringsum sich verlangsamte. Wir dachten an die Hitze des Krankenzimmers, des Krankenbetts, in dem der inzwischen zu einem dünnen Herrn zusammengeschmolzene Mann seinen Tod erwartete. Dass es Regen geben solle, war das Thema auf den Fluren. Erst für den Abend wurde er erwartet, als er endlich fiel, war er der erste Regen, den mein Vater nicht mehr erleben sollte.
Danke, Roger. Sie fehlen.