Schon das Cover von ‘Bearbind Lyceum’ hat mich sofort abgeholt: düster, eigenwillig, ein Hauch von Addams Family, gemischt mit Hexen, Internatsvibes und einer leicht unheimlichen Märchenästhetik. Auch der Klappentext versprach eine Geschichte voller Magie, Geheimnisse und Ungerechtigkeit und genau das habe ich bekommen.
Im Mittelpunkt steht Thilda, deren Leben sich schlagartig verändert, als ihre Stiefmutter sie ohne großes Zögern an das streng geführte Bearbind Lyceum schickt. Was als Internat für junge Frauen beginnt, entpuppt sich schnell als ein Ort voller Regeln, Kontrolle und unausgesprochener Bedrohung. Thilda – und mit ihr wir Leser:innen – tappt lange im Dunkeln: Warum ist alles so hart? Warum scheint Freundschaft hier kaum möglich? Und warum lastet so viel unausgesprochener Hass auf ihr?
Die Geschichte wird hauptsächlich aus Thildas Perspektive erzählt, was sehr gut funktioniert. Ihre Hilflosigkeit, ihre Wut und ihre Verunsicherung waren für mich greifbar. Ich war oft genauso frustriert wie sie, weil ihr so viel Unrecht widerfährt und sie scheinbar niemand schützt. Gerade diese Ohnmacht erzeugt eine intensive Atmosphäre, die das Buch lange trägt. Gleichzeitig entwickelt sich langsam ein Netz aus Freundschaften, Geheimnissen und Hinweisen auf Thildas Vergangenheit, insbesondere auf das Leben und die Bedeutung ihrer verstorbenen Mutter.
Besonders gefallen hat mir die Art der Magie, die sich spürbar von klassischen Hexengeschichten unterscheidet. Sie ist rauer, dunkler und fühlt sich weniger verspielt, dafür umso bedrohlicher an. Die Hohepriesterin als Antagonistin ist wirklich dämonisch gezeichnet: kalt, grausam und voller Hass. Warum sie Thilda so sehr ablehnt, bleibt lange ein Rätsel und sorgte bei mir für konstante Spannung.
Ein echtes Highlight waren für mich Thildas “Dämonen”. Als nahezu einzige männliche Präsenz (abgesehen vom Vater, der nur eine Randrolle spielt) bringen sie Humor, Leichtigkeit und einen leicht schrägen Charme in die Geschichte. Gerade in den sehr schweren Momenten haben sie das Buch angenehm aufgelockert, ohne die düstere Stimmung zu zerstören.
Trotz all dieser Stärken hatte ‘Bearbind Lyceum’ für mich auch Schwächen. Die Geschichte hat spürbare Längen, vor allem im Mittelteil. Thilda bekommt gefühlt von allen Seiten Steine in den Weg gelegt. Was zwar zur Atmosphäre passt, sich aber stellenweise wiederholt anfühlt. Zudem war mir Thilda oft zu naiv. Ihre Neugier treibt die Handlung zwar voran, doch manche Entscheidungen wirkten auf mich unnötig unvorsichtig und haben eher genervt als mitfühlen lassen. Das Ende schließlich kam überraschend schnell und wirkte im Vergleich zum langsamen Aufbau etwas zu abrupt.
‘Bearbind Lyceum’ ist ein atmosphärisch starkes, düsteres Fantasybuch mit einer besonderen Magie, spannenden Figuren und einem klaren eigenen Vibe. Trotz Längen, einer teils sehr naiven Protagonistin und eines etwas hastigen Endes hat mich die Geschichte insgesamt überzeugt. Wer düstere Internatsgeschichten, Hexen, moralische Grauzonen und einen leicht schrägen Humor mag, wird hier definitiv fündig.