In ihrem Essay widmet sich die österreichische Psychiaterin und Primarärztin für forensische Psychiatrie Heidi Kastner dem Begriff der Feigheit. Mit ihrer fachlichen Erfahrung und einem klaren gesellschaftlichen Blick geht sie Phänomen auf den Grund.
Im Nachwort definiert sie Feigheit nicht als einfache Emotion, sondern als komplexes Geflecht aus rationalen und emotionalen Anteilen: «Feigheit ist keine Primäremotion, sondern ein vielschichtiges und vielgestaltiges Phänomen, das sich fast immer aus mehreren rationalen und emotionalen Komponenten zusammensetzt: Angst, Unsicherheit, Gier, Egozentrik, Mangel an Mitgefühl, Ignoranz, Mangel an Schamgefühl, Trägheit, Dummheit, Korpsgeist und viele andere mehr.» (S. 115)
Kastner beschreibt, dass Feigheit in unserer Gesellschaft zunimmt. Menschen schauen weg, obwohl sie Missstände erkennen, und Zivilcourage nimmt spürbar ab. Die Autorin schildert die Gefahren und Risiken, die sich aus dieser Entwicklung ergeben – sowohl für das Zusammenleben im Kleinen als auch für demokratische Strukturen insgesamt.
Sie schildert feiges Verhalten in individuellen Alltagssituationen ebenso wie Feigheit auf politischer Ebene. Sie zeigt auf, wie Entscheidungen – oder eben das Ausbleiben von mutigen Entscheidungen – den Lauf von Geschichte und Gesellschaft verändern können.
Es ist ein gut lesbarer Essay, der auf 126 Seiten erstaunlich viel Denkstoff bietet. Man spürt durchgehend den beruflichen Hintergrund der Autorin, ohne dass das Buch trocken oder belehrend wirkt. Vielmehr regt es dazu an, das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen.
Eindrücklich ist Kastners Appell am Ende des Buches: "Solange wir das Glück haben, in einem demokratischen System zu leben, ist es Aufgabe jedes Einzelnen, an diesem Diskurs teilzunehmen und seine Positionen zu hinterfragen.“ (S. 121)