(Das deutschsprachige Buch ist unter dem Titel Quecksilber verfügbar.)
Das Buch beginnt mit einem Tagebucheintrag der bald dreiundzwanzigjährigen Hazel. Sie schreibt auf der ersten Seite, der Alte verberge ein Geheimnis. Man darf von Nothomb erwarten, dass dieses Geheimnis sich nicht so einfach lüftet - die Erwartung wird nicht enttäuscht.
Der Alte, Loncours, der zusammen mit Hazel abgeschieden auf einer kleinen Insel, deren Besitzer er ist, wohnt, wird nächstens 77 Jahre alt. Er hält Hazel von allen fremden Blicken verborgen, einige Diener und Leibwächter ausgenommen.
Die junge Pflegerin Françoise erhält ebenfalls Zugang zur Insel, zum Besitzer, den Leibwächtern und zu Hazel, welche erkrankt ist. Zugang unter bestimmten Auflagen natürlich. Eine sehr seltsame Beziehung wird ihr da offenbart. Die junge Hazel, welche die Liebkosungen und sexuellen Kontakte mit Loncours erträgt. Françoise wird auch hineingezogen, worin die Anziehung besteht, liegt im Auge des Lesers/der Leserin.
Die morbide Persönlichkeit von Loncours und wie er die perverse Liebe auslebt sind schwer zu ertragen. Wäre eine Geschichte mit diesen Zutaten als Thriller aufgemacht, wäre sie mir nur widerwärtig. Durch die Art, wie Amélie Nothomb schreibt, dass sie die abstossenden Ereignisse nicht schildert, sondern sich uns durch die Dialoge mit den Abgründen der Psyche von Loncours in erster Linie, aber auch mit jenen von Françoise und nicht zuletzt von Hazel auseinandersetzen. Ich kann mich dem Sog der Geschichten von Nothomb nicht entziehen. Die Komplexität, welche sie mit ihrer ausgefeilten Sprache erreicht, finde ich faszinierend.
Sehr gut hat mit der Schluss gefallen. Nach diesem gibt es ein kurzes Nachwort der Autorin, in dem sie schreibt, dass sie mehr als ein Ende im Kopf hatte und sich nicht entscheiden konnte, weshalb sie die zweite Variante auch noch abdrucken liess. Einerseits ist es spannend, diesen anderen Ausgang zu lesen, die grossen Unterschiede darin zu sehen und es lässt uns auch etwas vom Wesen von Amélie Nothomb erahnen, in deren Geist es sprudeln muss von Ideen und Gedankengängen.
Eine grosse Leseempfehlung.
Anmerkung: ich habe das französischsprachige Buch gelesen. Mercure ist das chemische Element Quecksilber. Mercure ist aber auch der griechische Götterbote. Es wäre interessant zu wissen, wie das in der deutschen Übersetzung ausgearbeitet wird.