Von Erfahrungen in und mit anderen Kulturen erzählen viele zeitgenössische Romane, ungewöhnlich an Leila Slimanis Roman aber ist unter anderem die Richtung der Auswanderungsbewegung: Ihr Roman spielt in den Vierzigern und ist der erste Band einer Trilogie. In diesem Buch beschreibt sie das Leben ihrer Grosseltern. Ihre junge, lebenshungrige Grossmutter namens Mathilde zieht frisch verheiratet mit ihrem Ehemann, einem marokkanischen Offizier in das sogenannte französische “Protektorat”. Schnell stellt sie fest, dass sie auch hier nicht von jenen “häuslichen Pflichten” befreit sein wird, vor denen sie geflohen ist. Mehr noch: Ihr Mann stellt sich bald als regelrechter Patriarch heraus, das Leben auf dem Land in Marokko ist härter als gedacht. Amine übernimmt den abgelegenen Hof am Fusse des Atlas Gebirges. Er hat genaue Vorstellungen, wie er ihn bewirtschaften will, nur fehlen ihm die finanziellen Mittel und die Geduld. Mathilde erzieht die beiden Kinder und besteht darauf, dass ihre Tochter Aïcha in der französischen Klosterschule unterrichtet wird. Aïcha ist ein hochintelligentes Mädchen, das sich aber nicht in die französiche ‘Gesellschaft’ vom Wohnort einzufügen vermag. Im Weiteren ist sie sehr sensibel. Unterstützung erhält die Familie nur von einem ungarisch jüdischen Gynäkologen, der während des zweiten Weltkrieges mit seiner jungen Frau nach Marokko geflüchtet war.
Im Weiteren haben Mathilde und Amine sowohl in Frankreich als auch in der neuen Heimat zunehmend mit rassistischer Diskriminierung zu kämpfen - umso stärker, je mehr sich die Auseinandersetzungen mit den Besatzern aufgrund der Unabhängigkeitsbestrebungen häufen.
Slimani erzählt davon schlicht, diskret und mit aller gebotener Differenziertheit. Das Gesellschaftliche verwebt sie geschickt und leichthändig mit dem Persönlichen. Ein Roman, der gerade in seiner Nüchternheit “fulminant” wirkt.
Sie beschreibt den Alltag während der 40er und 50er Jahren aus der marokkanischen Sicht und der dort lebenden französischen Gesellschaft. Der Graben zwischen den Gesellschaften könnte nicht grösser sein.
Ich bin schon sehr gespannt auf den zweiten Band.