Zuerst einmal: Es ist schön, dass solche Bücher wieder zugänglich gemacht werden. Vielen Dank an Rowohlt dafür. „Ein Mädchen mit Prokura„ ist für mich vor allem eine historische Entdeckung – weniger eine literarische Offenbarung, aber eine gesellschaftlich sehr aufschlussreiche.
Berlin, 1931. Bankenkrise, wirtschaftliche Unsicherheit, Millionen Menschen ohne Arbeit. In diesem Klima arbeitet Thea Iken als Prokuristin in einem privaten Bankhaus. Allein diese Konstellation ist stark: eine Frau in einer Position, die formale Macht und Verantwortung bedeutet, und zugleich in einer Welt, in der wirtschaftliche Willkür über ganze Existenzen entscheiden kann.
Was mich am meisten überzeugt hat, ist der Blick in die damalige Bankenwelt. Die persönliche Haftung der Bankiers, die Bedeutung von Vertrauen, von Devisen und internationalen Verbindungen, die ständige Angst vor dem sozialen Absturz – das wirkt heute fast fremd. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, mitten in dieser Zeit zu stehen, in einer Ordnung, die äußerlich noch funktioniert, aber innerlich schon brüchig ist.
Sprachlich bleibt der Roman bewusst nüchtern. Der Ton erinnert an ein Protokoll oder einen Bericht und steht klar in der Tradition der Neuen Sachlichkeit der späten 1920er-Jahre: Präzision, Zurückhaltung, soziale Realität statt poetischer Ausschmückung. Brück schreibt fast so, als wäre die Welt selbst ein Ordner. Menschen erscheinen oft wie Funktionen im System: Bankier, Prokuristin, Angestellte, Kund*innen. Gefühle werden selten ausformuliert, sie schleichen sich eher zwischen die Sätze.
Ambivalent bleibe ich beim häufig genannten „feministischen“ Aspekt des Romans. Ja, eine Frau mit Prokura ist für die Zeit ein starkes Bild. Aber für mich erzählt das Buch weniger von Emanzipation als von den Grenzen weiblicher Handlungsmacht in einer männlich strukturierten Wirtschafts- und Machtwelt.
Am Ende bleibt für mich ein Roman, der vor allem durch seine historische Schärfe wirkt. Wer die nüchterne, sachliche Sprache der Neuen Sachlichkeit schätzt, wird hier viel finden. Mich hat weniger die literarische Form getragen als der klare, kühle Blick auf eine Zeit, in der wirtschaftliche Macht und soziale Abhängigkeit untrennbar miteinander verbunden waren.
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