Neues Buch von Michel Friedman!
“Mensch!” der Titel. Mit Ausrufezeichen. Ein Aus- und zugleich ein Auf- und Weckruf für unsere Zeit, die so von Lethargie und passiver Aggression durchsetzt ist.
Friedmans Buch handelt von Liebe und Sorge, nicht nur von derjenigen, die er in seinem Elternhaus erfuhr, sondern davon, wie man diese Liebe und Sorge in die Gesellschaft hinausträgt.
Fragen und hinterfragen als Wege zur Freiheit. So steht es im Eingangskapitel. Das aufklärerische Prinzip, welches Wissen als Weg zur Wandlung begreift, kommt hier zum Tragen. In unseren aufgewühlten, von Sensationslust getriebenen Zeiten , mutet das als Idealismus an. Niemand will dazulernen, jeder richtet sich in der Bubble ein, die sein Weltbild bestätigt. Das erzeugt ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Denn es gibt ja nicht nur uns, es gibt auch die anderen. Und eine objektive Welt - so haben wir gelernt - gibt es nicht. Es gibt nur Perspektiven, die man im Gespräch aufeinander abstimmen kann.
Demokratiemüdigkeit, Ungeschütztsein und Streit-Unkultur. Das alles hängt mit der Welt, so wie wir sie haben, zusammen. Besonders aber auch mit Verlustängsten. Der Autor kennt sie aus eigener Erfahrung nur zu gut. Und er beschreibt, wie sein Vater ihn sanft den Umgang damit gelehrt hat. Ein fähiger Pädagoge, der Vater. So einen legt man sich gerne zu und hätten so manche heutzutage nötig. Vorbilder, die einem die Fähigkeit beibringen, sich selbst zu managen. Was mache ich mit der Wut? Was mit der Verzweiflung? Wie gehe ich mit Rückschlägen um? Manche suchen dafür Coaches auf, x Mal die Woche gegen Honorar. Andere haben das Vorbild jeden Tag vor Augen, können jede Faser seines Seins inhalieren. Wir Menschen funktionieren nicht nur rational, Gefühlswelten erschliessen sich uns durch die Vorbilder, die wir täglich vor Augen haben. Vorbilder für die Arbeit am Inneren, die einzige, die nicht delegierbar ist. Überall sonst ist der Mensch ersetzbar. Hier nicht.
Michel Friedmans Bücher haben eine solche Vorbildfunktion, die in der langen Tradition der Weisheitsliteratur, der Innenschau und des Selbstgesprächs steht.
Ein Schatz in einer Zeit des Machbarkeits- und Selbstverliebtheitswahns.