When Women Were Dragons von Kelly Barnhill ist ein stilles und zugleich kraftvolles Buch, das ein ernstes gesellschaftliches Thema auf eine ungewöhnliche, poetische Weise verhandelt. Feminismus, Geschlechterrollen und Unsichtbarkeit werden hier nicht theoretisch oder anklagend behandelt, sondern durch Fantasie, Bilder und Drachen erzählt.
Im Mittelpunkt steht die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft. Parallel dazu entfaltet sich das Bild einer Gemeinschaft, die sich nur langsam öffnet und beginnt, sich Fragen zu stellen, die lange verdrängt wurden: Was leisten Frauen für ihre Familien? Warum bleibt diese Arbeit oft unsichtbar? Und was passiert, wenn Frauen sich weigern, diese Rolle stillschweigend weiterzutragen – wenn sie buchstäblich zu Drachen werden und verschwinden?
Gerade dieser fantastische Ansatz ist eine der grossen Stärken des Romans. Die Drachen sind Symbol, Schutzraum und Widerstand zugleich. Durch sie wird Gesellschaftskritik greifbar, ohne ihre Schwere zu verlieren. Die Geschichte erhält dadurch eine besondere Zartheit, die es erlaubt, schmerzhafte Themen anzunehmen. Barnhill erzählt bedacht, mit viel Gespür für Zwischentöne und mit einem liebevollen Blick auf ihre Figuren.
Gleichzeitig wirkt der feministische Anspruch stellenweise etwas zu deutlich gesetzt. Man spürt, dass hier bewusst ein Buch geschrieben wurde, das Haltung zeigen und Grenzen verschieben will. Nicht immer fühlt sich das organisch an, manches wirkt leicht erzwungen. Doch der Fantasy-Aspekt federt diese Momente ab und macht die gesellschaftliche Kritik zugänglicher.
Am Ende bleibt ein sehr schönes, kluges und warmes Buch. When Women Were Dragons geht sorgsam mit seinen Charakteren um, erzählt von Verlust und Befreiung, von Wut und Selbstfindung. Ein Roman, der nicht laut sein muss, um Wirkung zu entfalten – und der lange nachleuchtet. Ein wunderbares Buch für alle.