Schon das Cover hat mich sofort gepackt – düster, geheimnisvoll und genau nach meinem Geschmack. Dazu kommt, dass ich die Geschichten von Maya Shepherd sehr schätze und mich bewusst auf dieses Thema einlassen wollte. Jack the Ripper ist ein Stoff, der oft erzählt wurde, doch gerade deshalb war ich gespannt, welchen neuen Blickwinkel die Autorin hier wählt.
Mary ist tot und doch gefangen. Ihr Herz, wie das der anderen Opfer, befindet sich noch immer in den Händen ihres Mörders. Jack zwingt die Frauen, an seiner grausamen Existenz teilzuhaben, hält sie an diese Welt gebunden und nutzt sie für seine eigenen dunklen Zwecke. Während Mary versucht zu begreifen, was mit ihr geschieht, wird klar: Solange Jack existiert, wird niemand wirklich frei sein. Gemeinsam mit Inspektor Abberline beginnt ein gefährlicher Wettlauf gegen die Zeit und gegen einen Mann, der Kontrolle, Manipulation und Grausamkeit perfektioniert hat.
Die größte Stärke dieses Buches ist ohne Zweifel die Atmosphäre. Das viktorianische London wird nicht nur beschrieben, es wird fühlbar. Armut, Enge, Verfall und Hoffnungslosigkeit liegen wie ein schwerer Schleier über jeder Seite. Ich hatte oft das Gefühl, mitten in diesen dunklen Gassen zu stehen, umgeben von Leid und Verzweiflung.
Mary als Hauptfigur hat mich besonders berührt. Sie ist keine passive Beobachterin, sondern eine Frau, die trotz Tod, Angst und Fremdbestimmung ihren Mut nicht verliert. Gerade weil wir die Geschichte größtenteils aus ihrer Perspektive erleben, liegt der Fokus nicht auf den Morden selbst, sondern auf den Folgen, auf dem Weiterleben, oder besser gesagt: dem Versuch, sich nicht vollständig brechen zu lassen. Besonders stark fand ich, wie sie langsam beginnt, sich den anderen Frauen zu öffnen. Erst im Tod erkennt sie, was Gemeinschaft, Vertrauen und Freundschaft wirklich bedeuten.
Jack ist dabei genau so, wie man ihn sich wünscht, oder fürchtet. Er ist manipulativ, selbstverliebt, grausam und absolut davon überzeugt, über allem zu stehen. Ich habe ihn mit jeder Seite mehr verabscheut, was für mich ein klares Zeichen dafür ist, wie gut er geschrieben ist. Er wirkt nicht wie ein reines Monster, sondern wie ein gefährlicher Mensch mit Machtfantasien und Kontrollzwang.
Der Genre-Mix aus Fantasy und Thriller funktioniert erstaunlich gut. Die übernatürlichen Elemente fügen sich organisch in die Geschichte ein, ohne die Spannung zu nehmen. Unerwartet gelungen fand ich auch Inspektor Abberline: Durch Mary wird er gezwungen, sich nicht nur mit dem Fall, sondern auch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, was der Geschichte zusätzliche emotionale Tiefe verleiht.
Kleine Schwächen gibt es dennoch. Das Tempo ist stellenweise eher ruhig, und manche Leser:innen könnten sich an einzelnen Passagen mehr Dynamik wünschen. Auch hätte ich mir an manchen Stellen noch etwas mehr Raum für bestimmte Nebenfiguren gewünscht. Für mich hat das den Gesamteindruck jedoch nicht wesentlich geschmälert.
‘Jack the Ripper’s Sammlung der Herzen’ ist eine düstere, atmosphärische und emotionale Geschichte, die weit mehr ist als eine Neuinterpretation eines bekannten Mythos. Es geht um Macht, Manipulation, Zusammenhalt und darum, wie selbst in der tiefsten Dunkelheit etwas entstehen kann, das sich nach Leben anfühlt. Ein starkes Buch mit intensiver Stimmung, überzeugenden Figuren und einem Ende, das nachhallt. Für mich ein Buch, das besonders Leser:innen von Dark Fantasy und psychologischen Thrillern ansprechen dürfte.