Als ich in meinem Freundeskreis erzählt habe, dass ich ein Buch über Kung Fu-Kampfkunst lese, dachten alle, ich sei übergeschnappt. Was hat Kung Fu schon mit meinem Alltag zu tun? Auf den ersten Blick gar nichts. Auf den ersten Blick sind wir alle ganz friedlich und haben mit Kämpfen und Gewalt gar nichts am Hut. Was also bringt ein Buch übers rechte Kämpfen?
Die Wahrheit ist: In uns drinnen sieht es gar nicht friedlich aus. Wir kämpfen mit uns selbst, mit unseren Gedanken, mit unserem inneren Schweinehund, gegen das So-und-nicht-Anderssein der Umstände und der Welt überhaupt. Wir sind eigentlich in einem permanenten Kriegszustand gegen uns selbst.
Psychotherapeuten wissen ein Lied davon zu singen. Erich Fromm äusserte seinerzeit schon die Beobachtung, dass Menschen todunglücklich sind. Die reibungslose Fassade täuscht über den Schatten hinweg, der uns alle auf Schritt und Tritt begleitet.
Shi Heng Yi, der Leiter des Shaolin Tempels in Europa, leitet uns in seinem Buch dazu an, diesen inneren Kämpfen Gestalt zu verleihen. Ihnen ein Gesicht zu geben. Denn gelingendes Leben ist Ein-Klang, während die Zerrissenheit zwischen Sein und Sollen den Menschen erkranken lässt, ihn erschöpft und ausser Gefecht setzt. Wut und Erleuchtung verhalten sich zueinander wie Öl und Wasser. Aus diesem Grund muss Übereinstimmung hergestellt werden. Das Innen muss im Aussen Gestalt finden und umgekehrt verweist das Aussen auf den inneren Zustand.
Die Praktiken, die in seinem Kloster dafür auf dem Programm stehen, sind freilich nicht jedermanns Sache. Auf Zehenspitzen und Fäusten Krabbeln, Liegestütze auf Kieselsteinen und so fort - dem würden die Körper all jener, die seit Jahrenden nichts anders gewohnt sind als Sitzen, nicht lange standhalten.
Tief einatmen und dann mit voller Kraft die Vorderarme gegen einen Holzsteckenbund schlagen ist auch so eine Übung, die einem Ungeschulten erstmal als sinnlose Brachialgewalt bzw. gnadenlose Selbstzüchtigung vorkommt.
Erst wenn man versteht, dass hinter diesen Übungen eine Jahrtausende alte Denktradition steht, wo es um Selbstbeherrschung geht, verändert sich die Sicht auf das Kloster. Hier werden die Parallelen zum Yoga deutlich, welches in unseren Breitengraden längst zum Lifestyle-Accesoire geworden ist, hinter dem aber eine nicht minder tiefgründige Denktradition der Selbsterforschung und -reflexion steht.
Den Körper als Einstiegspforte ins Hier und Jetzt zu sehen - darum geht es im Grossen und Ganzen. Trägt man Wut in sich, so lagert sich sich im Körper ab, wenn sie kein sicheres Ventil nach draussen findet. Die mit ihr verbundene negative Energie wird irgendwann selbstzerstörerisch und: Sie kommt so oder so zum Vorschein. Der Meister warnt: Alles, was ist, will gesehen werden, ob wir wollen oder nicht. Unterdrückte Wut zeigt sich im Stirnrunzeln oder angespannter Körperhaltung, was sich wiederum auf das Miteinander auswirkt.
Das Kloster bietet insofern einen geschützten Rahmen, um mit uns innewohnenden Energien umzugehen, ohne anderen zu schaden. Der Meister hat den Überblick. Er gibt die Regeln vor und achtet penibel darauf, dass sie auch eingehalten werden. Es geht um Disziplin, die in den Dienst der Selbstsorge bzw. der Seel-Sorge gestellt wird. Dabei ist Seelsorge nicht im Gespräch zu finden - das Klosterleben verläuft gemäss Buch weitgehend schweigsam -, sondern im Tun. Die Psychologie würde hier vermutlich von Selbstwirksamkeit sprechen. Körperliche Aktivität bringt die Lebensenergie wieder zum Fliessen und die Psyche dadurch wieder in den “Flow”.
Ich habe das Buch mit Begeisterung gelesen. Die Umsetzung der darin dargestellten Lehre steht auf einem anderen Blatt. Das ist aber mein Problem und nicht das Problem des Buches.