Kaleb Erdmann versucht in diesem Buch seine Erfahrungen als Schüler des Johann Gutenberg Gymnasiums in Erfurt im Jahre 2002 zu schildern. Als der elfjährige Erdmann am 26.04.2022 morgens zur Schule ging, konnte er nicht ahnen, dass von diesem Tag an nichts mehr so sein würde wie vorher. Das ging nicht nur ihm und seinen Mitschüler_innen sowie seinen Lehrkräften so, sondern ganz Deutschland. Denn es war der Tag eines Amoklaufes an einer deutschen Lehranstalt, deren Aufarbeitung lange andauerte und in der die Schuldfrage lange hin- und hergeschoben wurde. Der Täter stand schnell fest, ein ehemaliger Schüler des Gymnasiums. Robert Steinhäuser ging bis Oktober 2001 selbst in Erfurt zur Schule, bis er derselben wegen Urkundenfälschung verwiesen wurde, da er nach ein paar Tagen unentschuldigten Fernbleibens vom Unterricht ein gefälschtes Arztzeugnis vorlegte.
Der Autor stellt sich immer wieder die Frage, weshalb man nach 20 Jahren über den Amoklauf schreiben sollte und warum er gerade jetzt, mach Jahren der Traumatherapie, wieder so in seinen Fokus geraten ist. Im Buch wird beschrieben, dass der namenlose Ich- Erzähler, genau wie Erdmann, immer wieder versuchte über den Amoklauf zu schreiben. Allerdings habe sich das nie richtig angefühlt, da er entweder das Gefühl hatte zu voyeuristisch zu sein oder das Thema auszuschlachten. Erst die Metabene eines selbstzweifelnden Schriftstellers gab ihm die Möglichkeit die eigenen Zweifel mit den Text zu nehmen und sich auf diese Weise der Thematik anzunähern. Das Buch beginnt im Prinzip mit dem Ende - nämlich der Suche nach einem Verlag, der das fertige Manuskript herausbringen würde. Nach und nach wird der Leser in die Handlung hereingelassen und erfährt mehr über die Hintergründe und Zweifel. So habe eine zufällige Begegnung in einer Frankfurter Bar nicht nur mit einer blutigen Nase des Protagonisten geendet, sondern markierte auch den Beginn der endgültigen Aufarbeitung für den Ich- Erzähler. Es beginnt eine nahezu ein Jahr andauernde Reise quer durch Deutschland, um sich an Originalschauplätzen umzuschauen, sowie einen Eindruck zu gewinnen, wie es anderen Künstlern gelingt die Thematik in eine angemessene Dareichungsform zu bringen. Er will über seine Erlebnisse vom 26.04.2002 schreiben. Doch wie der Autor selbst, zweifelt der Erzähler immer wieder, ob er der Richtige dafür sei, denn eigentlich habe er ja gar nichts gesehen und schliesslich sei er auch nur 1,5 Jahre auf die Ausweichschule gegangen, bevor die Familie wegzog. Erdmann befand sich zum Zeitpunkt des Attentats mit seinen Mitschüler:innen der 5b im Raum 207 des Gymnasiums. Der Attentäter kam als erstes, nachdem er sich auf den Toiletten der Schule vermummte, in dessen Klassenraum und forderte die Kinder auf das Gebäude zu verlassen und versicherte ihnen nichts zu tun, da sie zu klein wären. Der Ich-Erzähler wird den Täter als eine Art Ninja-Kämpfer in seinem Kopf abspeichern. Eine weitere prägende Erinnerung des des 11-jährigen Zeugen wird das im Nachhinein entsandenende Blumenmeer vor der Schule sein, aus deren Mitte zahlreiche Pappschilder lugte auf den nur einziges Wort stand: WARUM?Und genau darum dreht sich das gesamte Buch. Der Autor lässt nach Antworten auf das Warum, etwa in einem fiktionalen Theaterstück über die Eltern des Täters, in Texten anderer, dem Polizeibericht sowie in der Literatur - wie in Ines Geipels literarischer Dokumentation “Für heute reicht’s”, die sich bereits 2004 mit dem Amoklauf von Erfurt befasste – ganz ohne persönliche Betroffenheit.
Das Buch liest sich flüssig und gut. Der Autor nimmt den Leser mit zurück an den Schuplatz der Ereignisse und lässt ihn an seinen Selbstzweifeln teilhaben. Durch die Auseinandersetzung mit der Schuldfrage wird der Leser zu einer eigenen Auseinandersetzung angeregt. Auffallend ist die unaufgeregte Sprache des Autors und die teilweise berührenden Erinnerungen eines heute Mitte 30 jähren Mannes an sein 11-jähriges Ich. Besonders berührend fand ich die erste Frage, die sich dem 11 jährigen Jungen unmittelbar nach dem Amoklauf audrängte - nämlich die Frage nach der Klassenarbeit über Pinguine, die er und seine Mitschüler:innen früher am Tag bei der Lehrerin geschrieben hatte, die am Ende des Tages tot gegenüber des Klassenzimmers aufgefunden wird. Einige solcher kindlicher Fragen werden in das Buch eingewoben und geben Auskunft darüber, dass nicht nur Erwachsene Opfer des Amoklaufes wurden, sondern auch viele Kinder. Kinder sehen die Welt nunmal anders als Erwachsene und stellen andere Fragen. Genau das fand ich an diesem Buch besonders gelungen. Als Leser erfährt man etwas von der Wahrnehmung und Verarbeitung des Geschehens aus Sicht eines Kindes. Es ist ein anrührendes Buch, welches mit einer schweren Thematik aufwartet. Ich kann mir vorstellen, dass es gerade für Leser:innen mit kleinen Kindern besonders schwer auszuhalten sein könnte, gerade da die Vorstellung ein solches Szenario könnte sich an der Schule der eigenen Kinder wiederholen, zutiefst verstörend sein dürfte. Denoch kann ich das Buch nur zum Lesen empfehlen, da es mit einer sprachlichen Klarheit und der zweifelnden Auseinsetzung mit einem schwarzen Kapitel des deutschen Schulwesens aufwartet.