Lukas Hartmann ist mit diesem Buch ein interessanter Plot gelungen, die Verwebung eines realen Falles rund um den Messerstecher Mischa Ebner (2002) mit der Fiktion einer seit 25 Jahren bestehenden auseinanderdriftenden Ehe.
Es ist ein leises Buch, subtil geschrieben, mit Andeutungen, die dem Leser die Interpretation ermöglichen.
Viele Puzzleteile fügen sich in dieser Geschichtet zu einem einfühlsam geschilderten, schrecklichen Ganzen zusammen. Erreicht wird diese Beklemmung vor allem auch durch das Spiel zwischen Innen- und Aussensicht. Absolut faszinierend, wie die Erzähler permanent wechseln, wie auktoriale Erzählung in ich-Erzählung übergeht.
Schon auf Seite 7 kommt die Andeutung darüber, was geschehen wird: Sebastian hatte ihr erklärt, dass es um unterschiedliche Perspektiven gehe, die Escher ineinander geschachtelt habe, was den Betrachter dazu zwinge, immer wieder seinen Standpunkt zu wechseln. Auch danach war ihr das Bild fremd geblieben. 7
So wird eine Lithographie zum Symbol für verwirrende, schwindelerregende Welt. 11
Nach dem Auszug ihres Sohnes Sebastian (Zitat Hartmann: Ein Auszug löst sehr viel aus. Vor allem für Mütter, die sich enorm mit einem Kind identifizieren und grosse Schwierigkeiten haben, wieder auf sich selber zurückgeworfen zu sein und etwas zu entwickeln, das sinnvoll ist. Viele geraten in Krisen. Im Buch wird die Krise verstärkt: Erst zieht der Sohn aus, an seiner Stelle kommt einer, der ein Gewalttäter ist.) beschliessen die Sandmeiers ihren Anbau zu vermieten. Es zieht ein unscheinbarer Fahrradmechaniker ein.
Das ist der Beginn eines Dramas, das vieles in sich zusammenbrechen lässt.
Da sind nicht nur die oft orientierungslosen Sandmeiers, der Vater unter Druck und völlig aufgelöst in seinem Job, die Mutter unter einem akuten Helfersyndrom leidend und der Sohn auf der ziellosen Suche seiner Aufgabe.
Da ist aber auch eine starke Nebenfigur in der Person von Aleksandra, der Freundin des Sohnes, gemäss Interview mit dem Autor: Es fällt mir jetzt auch auf. Ich fand, die selbstbewusste Freundin des Sohnes hat schon etwas. Aber sie ist eine Knacknuss für einen Mann. Das sind heute viele junge Frauen.
Lukas Hartmann hat den Begriff „Lebenskummer“ geprägt. Anhand der Auflösung der Familienstruktur der Sandmeiers beschreibt er, wozu dieses Gefühl führen kann, wenn ein zündender Funke die Lunte findet.
Fazit
Ein absolut lesenswertes Buch, welches einen Kriminalfall zum Katalysator des Auseinanderfallens einer Schweizer Durchschnittsfamilie nimmt und aktuelle Problem treffend beschreibt.