Als Kind hat sie einfach so in den Tag hineingelebt, die Sonne ging auf, die Sonne ging unter, die Jahreszeiten kamen und gingen. Im vergangenen Jahr hat sie erfahren, dass nichts selbstverständlich ist. – aus «Das Jahr ohne Sonne»-
In Indonesien brach im Frühjahr 1815 der Vulkan Tambora aus. Seine heftigen Eruptionen hatten eine globale Klimaveränderung zur Folge. Das Jahr 1816 ging als das Jahr ohne Sonne in die Geschichte ein. Es regnete, stürmte, schneite bis in den Hochsommer hinein. Ernten waren unterdurchschnittlich oder fielen ganz aus, die Teuerung hielt bald Einzug und die Leute, allen voran die einfachen Arbeiter und Arbeiterinnen, hungerten von Monat zu Monat mehr. Die Menschen konnten dieses Ereignis nicht einordnen, glaubten es liege an Gott oder den Himmelsgestirnen die ihnen nicht mehr gut gesinnt waren. Die Geschichte begleitet die junge Anna Kathrin Diem aus dem Appenzellerland, die Pfarrfrau Elisabeth Kuhn im Emmental und die Engländerin Mary Shelley. Die junge Appenzellerin Anna Kathrin und ihre Familie spürten als Bauers- und Webersleute die Hungersnot mit voller Wucht während die Pfarrerfamilie Kuhn im Emmental zwar die Not der Leute mitbekam, selber jedoch nicht hungern mussten und Mary Shelley verbrachte den dunklen, kühlen und verregneten Sommer 1816 zusammen mit ihrem Geliebten Percy Shelley und dem Dichter Lord Byron am Genfersee und wurde vom neblig-verhangenen Wetter zur Geschichte von «Frankenstein» inspiriert.
In der heutigen digitalen, modernen, überwachten und wissenschaftlich aufgeklärten Welt können wir uns ein solches Ereignis kaum vorstellen, bei welchem die Leute keinen blassen Schimmer hatten, warum auf einmal der Sommer und damit die Ernten ausblieben. Mit diesem Buch hat die Autorin eine beeindruckende Geschichte auf wahren Begebenheiten geschrieben. Sehr gut gefallen haben mir neben den Hauptcharakteren die eingebundenen Chroniken aus diesem Jahr ohne Sonne. Da die Hauptfiguren aus drei unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen, wird deutlich, wie die gesellschaftliche Stellung darüber entschieden hat, wer Elend und Not erleben musste und wer dank seiner Stellung dennoch immer genug zum Leben hatte. Die Verflechtung von Wahrheit und Fiktion ergeben ein imponierendes Zeitdokument aus diesen beiden Jahren im 19. Jahrhundert voller Not, Hunger und Elend. Mich hat dieses Buch nachdenklich aber auch sehr dankbar darüber zurückgelassen, in unserer heutigen modernen Zeit leben zu können.