Schon im kurzen Vorwort des sehr kurzes Textes des Buches stellt Han klar, dass es nicht darum gehe eine verschwundene Zeit zu beklagen sondern “ohne Nostalgie wird eine Genealogie ihres Verschwindens skizziert”. Die Rituale markieren keinen Sehnsuchtsort. Es wird dabei über andere Lebensformen nachgedacht werden, die in der Lage wären, die Gesellschaft von ihrem kollektiven Narzissmus zu befreien. Die 130 Seiten haben es in sich. Han hämmert uns heideggerische Sätze ein, die uns Leser anfänglich faszinieren, unsere Neugier wecken und gegen Ende auch verstören.
Es folgen durchaus interessante Einsichten, beispielsweise über das Smartphone, welches “kein Ding im Sinne von Hannah Arendt” sei, weil ihm “die Selbigkeit, die das Leben stabilisiert” fehle. Den Werbespruch “Tee trinkend die Welt verändern” eines Fairtrade Unternehmens kommentiert Han sarkastisch: “Weltveränderung durch Konsum, das wäre das Ende der Revolution.”
Bei Han lassen sich Rituale als “symbolische Techniken der Einhausung” definieren. Rituale stabilisieren das Leben. Sie machen das Leben haltbar. Und dann kommt der heutige Zwang der Produktion und nimmt den Dingen ihre Haltbarkeit. Der Produktionszwang (Kapitalismus) zerstört bewusst die Dauer, um mehr zu produzieren, um mehr Konsum zu erzwingen. “Das Verweilen aber setzt die Dinge voraus, die dauern”, meint Han. Weiter im Buch beschäftigt sich Han mit der Gesellschaft der Authentizität. Wir leben heute in einer Affektkultur, wo das starke Spiel dem schwachen Spiel gewichen ist (Bataille). Eine Gesellschaft, in der das Nützliche das vorherrschende Prinzip geworden ist. In der die Produktion das bestimmende Leitmotiv ist. Das zieht sich vom Spiel über die Sprache zur Sexualität. Das Mythos weicht dem Dataismus, die Verführung der Pornografie. Wir leben heute in einem postsexuellen Zeitalter.
Die Schlussfolgerung Hans: “Heute vollzieht sich im Stillen ein weiterer Paradigmenwechsel. Der Mensch hat sich nach den Danten zu richten. Er dankt ab als Wissenproduzent.”