«Und ich höre ihn. Die Wände sind dünn. Wie falsch adressierte Briefe landen seine Selbstgespräche bei mir. Es stört mich nicht. Mir gefallen seine Gedanken. Sie sind interessanter als meine. Ich beginne sie aufzuschreiben und meine Ideen durch seine zu ersetzen. Ein kleines Notizbuch lege ich an.» Während der Zwangsräumung der Wohnung seiner Mutter werden die Kartons vertauscht und all ihre Habseligkeiten landen im Feuer. Übrig bleibt nur der Abfall. Der namenlose Protagonist blickt auf den Stammbaum seiner Familie zurück: eine Linie voller Wahnsinn, Depression, Alkoholismus und Verzweiflung. Er fürchtet, selbst verrückt zu werden und landet schließlich in der Psychiatrie, jedoch nicht als Patient, sondern als Psychologe. Dort beginnt auch seine persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Erbe. Besonders spannend fand ich, wie intensiv diese Angst vor dem eigenen Absturz beschrieben wird. Der Protagonist beobachtet die Kranken, behandelt sie und sieht in ihnen immer auch ein Stück seiner selbst. Die Kapitel wechseln zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Familiengeschichte und Arbeitsalltag. Anfangs erfordert das viel Konzentration, doch je weiter man liest, desto stärker zieht einen der Text in seinen Bann. Ab der Hälfte konnte ich das Buch kaum noch weglegen. Manches hat mich tieftraurig gemacht, etwa die Geschichte seiner Mutter, die einst ein erfolgreiches Leben führte und dennoch irgendwann den Weg ihrer Vorfahren ging. Botanik des Wahnsinns ist poetisch, dicht und anspruchsvoll geschrieben. Es liest sich wie ein innerer Fluss aus Gedanken und Erinnerungen und belohnt alle, die aufmerksam lesen. Ein intensives, literarisch starkes Buch über familiäre Prägung, psychische Erkrankungen und die Frage, ob man dem eigenen Schicksal entkommen kann. Sehr empfehlenswert für alle, die sich für die menschliche Psyche interessieren.