Monika Lüthis Spannungsroman „Was du vergessen musst“ ist ein beklemmender Psychothriller, der das klassische Motiv der Amnesie nutzt, um eine atmosphärisch dichte Geschichte vor der majestätischen Kulisse der Schweizer Alpen zu entfalten. Die Handlung setzt unmittelbar und dramatisch ein, als die Protagonistin Lena nach einem schweren Sturz in den Bergen im Krankenhaus erwacht und feststellen muss, dass die letzten zwei Jahre ihres Lebens komplett aus ihrem Gedächtnis gelöscht sind. Was als medizinischer Albtraum beginnt, entwickelt sich schnell zu einer existentiellen Krise, denn das Leben, in das Lena zurückkehrt, fühlt sich für sie wie das einer Fremden an: Sie findet sich an der Seite eines Ehemannes wieder, der ihr fremd geworden ist, und – für sie am unbegreiflichsten – in der Rolle einer Mutter, obwohl sie sich sicher ist, niemals Kinder gewollt zu haben. Lüthi gelingt es meisterhaft, die tiefe Verunsicherung und die wachsende Paranoia ihrer Hauptfigur greifbar zu machen, während Lena versucht, die Puzzleteile ihrer Identität zusammenzufügen. Die Spannung zieht spätestens dann massiv an, wenn eine anonyme Morddrohung auftaucht, die Lena kurz vor ihrem Unfall erhalten hat, was die Frage aufwirft, ob ihr Sturz tatsächlich nur ein Unglück war oder ein gezielter Versuch, sie zum Schweigen zu bringen. Der Schreibstil der Autorin ist dabei modern, flüssig und fesselnd, wobei sie gekonnt die Grenze zwischen emotionalem Familiendrama und düsterem „Domestic Noir“ beschreitet. Besonders die Beschreibungen der Bergwelt dienen nicht nur als malerische Kulisse, sondern spiegeln die Isolation und die Gefahr wider, in der sich Lena befindet, als sie beschliesst, an den Ort des Geschehens zurückzukehren, um ihre Erinnerungen zu erzwingen. In einer Welt, in der sie niemandem mehr trauen kann – nicht einmal ihrem eigenen Gedächtnis – jagt ein Plottwist den nächsten, bis das Buch in einem überraschenden Finale gipfelt, das alle zuvor gestreuten Zweifel geschickt auflöst. Es ist eine packende Geschichte über die Abgründe hinter bürgerlichen Fassaden und die beängstigende Vorstellung, dass das eigene Leben ohne das eigene Wissen komplett aus den Fugen geraten sein könnte.