Caroline Wahls Debütroman „22 Bahnen“ ist eine dieser seltenen literarischen Entdeckungen, die es schaffen, eine tiefe, fast erdrückende Schwere mit einer sommerlichen Leichtigkeit zu verweben, ohne dabei jemals oberflächlich zu wirken. Im Zentrum steht Tilda, eine junge Frau, deren Leben durch eine strikte, fast zwanghafte Taktung bestimmt wird: Wirtschaftsmathematik-Studium, Job an der Supermarktkasse und die ununterbrochene Fürsorge für ihre kleine Schwester Ida, während die alkoholkranke Mutter zu Hause wie eine unberechenbare Naturgewalt alles überschattet. Das namensgebende Ritual der 22 Bahnen im Freibad ist Tildas einziger Moment der Kontrolle und der Freiheit, ein rhythmisches Untertauchen in einer Welt, die sonst ständig über ihr zusammenzuschlagen droht. Wahl schreibt dabei in einem ganz eigenen, lakonischen Sound, der auf unnötiges Pathos verzichtet und stattdessen durch kurze, präzise Sätze eine enorme emotionale Wucht entfaltet. Besonders berührend ist die Dynamik zwischen den Schwestern; die Zärtlichkeit und der Schutzraum, den Tilda für Ida baut, bilden das schmerzhaft schöne Herzstück der Erzählung. Als Viktor, ein Schatten aus der Vergangenheit, wieder in Tildas Leben tritt, beginnt die starre Struktur ihres Alltags Risse zu bekommen, und es eröffnet sich die Möglichkeit eines Ausbruchs, der sowohl schmerzhaft als auch befreiend ist. Der Roman fängt das flirrende Gefühl eines heissen Sommers zwischen Chlorgeruch und der drückenden Stille des „traurigen Hauses“ perfekt ein und zeigt auf beeindruckende Weise, was Resilienz bedeutet. Es ist ein Buch über das Erwachsenwerden unter erschwerten Bedingungen, über die Loyalität zu anderen und schliesslich die notwendige Loyalität zu sich selbst, das den Leser mit einer Mischung aus Melancholie und Hoffnung entlässt und noch lange nachklingt.