Was ist das gute Leben? Wie sieht ein ethisch und moralisch einwandfreies Leben aus? Das sind Fragen, die Philosoph*innen seit jeher umgetrieben haben. Dieter Thomä, langjähriger und inzwischen ehemaliger Philosophieprofessor an der HSG, findet darauf die verblüffend einfache, deshalb aber nicht minder komplexe Antwort: Gut ist ein Leben dann, wenn es erzählbar ist.
Ausgangspunkt für den Essay ist der sogenannte narrative turn, der in den Wissenschaften stattgefunden hat. Dabei ging es um die Mittelpunktstellung bestimmter Narrative in den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen und deren Einfluss auf die jeweiligen Forschungsthesen und - ergebnisse. Dieter Thomä spart nicht mit Bezügen zur Philosophiegeschichte. Es geht ans Eingemachte: Kierkegaard, Kant und insbesondere sein Steckenpferd, Heidegger, dessen Gesamtwerk er jahrelang herausgegeben hat, kommen ausführlich zur Sprache. Wer eine Scheu vor philosophischer Begrifflichkeit hat, der mache einen grossen Bogen um das Buch. Wer das Labyrinth liebt und sich am liebsten denkerisch immer weiter darin verliert, für den ist dieses Buch genau das Richtige.
Erzählbarkeit hat mit Stringenz zu tun. Wortgeschichtlich sind “zählen” und “erzählen” miteinander verwandt. Doch das Zählen ist eine Abfolge, man möchte sagen eine Reihung, während im Erzählen die Bezüge vielfältiger sind. Ein Ereignis kann zeitlich auf ein anderes folgen, dennoch aber die Konsequenz eines ganz anderen sowie Grundvoraussetzung von vielen anderen werden. Im Aufzählen hat jedes Ereignis seinen festen Platz, im Erzählen sind die Ereignisse aufgrund der Vielfalt der Bezüge mehrdeutig.
Somit ist die Stringenz einer Lebensgeschichte etwa nur dem Subjekt zugänglich. Einem Fremden das eigene Leben zu erzählen, kann schon gelingen, der Fremde wird uns aber nie bis ins letzte Detail verstehen können. Weil nur wir, die Erzählenden, um die innersten Beweggründe die vom einen zum anderen geführt haben, wissen. Erzählbarkeit ist etwas zutiefst Intimes, schlussfolgert Thomä. Sie setzt eine grosse Intimität des Subjekts mit sich selbst voraus, von der alle anderen ausgeschlossen sind.
Welche ethischen Konsequenzen ergeben sich aus der Erzählbarkeits-Forderung? Hat das Umfeld alles zu respektieren und zu tolerieren, was der Stringenz der subjektiven Erzählung dient? Oder ist Einmischung erlaubt, ja in gewissen Fällen sogar geboten? Wo beginnt und wo endet die Rechenschaftspflicht des Subjekts hinsichtlich der Stringenz seiner Lebensgeschichte? Nach welchen Kriterien lässt sich solche Stringenz überhaupt definieren? Taugen literaturwissenschaftliche Begriffe dazu?
Erzählbarkeit als philosophisches Problem. Für mich war es ein Genuss, den Essay zu lesen. Es ist eine anstrengende Lektüre, aber ich mag das. Was mich nicht fordert, bringt mich nicht weiter.