Ursula Priess ist eines der drei Kinder von Max Frisch. Sie veröffentlichte im Jahr 2009 das mit dem Frisch-Zitat betitelte Buch “Sturz durch alle Spiegel.” Das vollständige Zitat aus “Mein Name sei Gantenbein” lautet: "„Es ist wie ein Sturz … wie durch alle Spiegel, und nachher … setzt die Welt sich wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen.“
Man kann sagen, dass bei Priess die Vaterbeziehung im Mittelpunkt zu stehen scheint. Sie schlendert mit einem Mann, den sie zunächst nur aus Telefonaten kennt, durch Venedig. Nach und nach stellt sich heraus, dass er Frisch und die Bachmann gekannt hat. Dass er sogar derjenige war, der Frischs Eifersucht entfacht haben musste.
“Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung.” Das ist das erzählerische Programm von Frischs “Gantenbein”. Geschichten, die auf die gemachte Erfahrung passen, werden anprobiert wie Kleider.
Und so ähnlich verhält es sich mit dem Roman seiner Tochter. Doch hier will die Tochter den Vater ganz für sich allein. Im ersten Drittel ist das Buch stilistisch ganz und gar an Frischs Tagebüchern angelehnt.
Frischs Virtuosität, psychologische Zusammenhänge in der Schwebe zu halten, mit Mehrdeutigkeiten zu spielen wird bei Priess auf merkwürdige erotische Anspielungen gemünzt. Mit einem Champagnerglas in der Hand fantasiert sie sich ins Bett mit ihrem Vater hinein. Die ödipale Thematik aus Homo faber scheint hier auf, ganz im Gestus der Frau, die Frisch als Vater- und als Männerfigur in ihrem Inneren sucht, noch im Erscheinungsjahr des Buches, als Frisch bereits achtzehn Jahre tot ist.
Auch das ein sanfter Hinweis auf den Gantenbein: Der eifersüchtige Svoboda begibt sich ja auf Reisen, stoisch wartend, ob sich seine Frau jetzt für ihre Affäre oder doch für ihn entscheiden wird. Man hat den Eindruck, auch Priess´Schreiben sei ein stoisches Warten auf die Rückkehr des Vaters. Wir kennen das Motiv der wartenden Frau: Die Penelope der Odyssee gehört dazu und auch in Peter Stamms Erzählungen sind hin und wieder wartende Frauen anzutreffen.
Ein ergreifendes Buch, vor allem in der zweiten Hälfte, wenn es um den sterbenden Vater geht. Kontakt zu ihm war zeitlebens dagewesen. Und dennoch hier nochmal die innere Distanz, ein inneres Abschiednehmen, das unter die Haut geht.
Ich empfehle das Buch. Es hat mich angerührt. Es ist auf seine Weise zeitlos.