Ein wahrhaft bereicherndes Buch mit neuen Einsichten rund um den Umgang mit dem nagenden Gefühl der Einsamkeit.
Verena Steiner war in ihrem Leben schon oft Einsamkeitserfahrungen ausgesetzt: Als Fünfzehnjährige verliess sie den Aargauer Hof ihrer Eltern, um in Basel eine Laborantinnenlehre in Angriff zu nehmen. Später arbeitete sie sich in der Pharmabranche hoch, promovierte in Biochemie und machte dann noch den Schlenker zur Lernforschung. An der ETH dozierte sie zum Thema lustvolles Lernen. Als Autodidaktin ging und geht sie mit lebendigem Beispiel voran, wie Lernen gelingt und mit Lebensfreude zusammenhängt. Alles Erfahrungen, die mit Einsamkeit verbunden sind. Der Weg nach oben ist einsam und steinig, besonders für Frauen und noch viel mehr vor fünf Jahrzehnten, als Verena Steiner den ihren begann.
Am stärksten vereinsamte sie, als ihr Mann bei einem Wanderunfall in den Bergen tödlich verunglückte. Sie beschreibt diesen Verlust als Wendepunkt in ihrem Leben, woraufhin ihr Interesse am Umgang mit der Einsamkeit wuchs.
In den gängigen Ratgebern wiederholen sich zuweilen die Tipps: auf Menschen zugehen, ein neues Hobby erlernen, auch mal alleine verreisen und für neue Begegnungen offen sein, Kindheitstraumata aufarbeiten u.dgl. Verena Steiner schlägt andere Wege vor. Sie lädt dazu ein, die Einsamkeit als Raum wahrzunehmen, in dem sich die Wirklichkeit anders darstellt als bisher.
Steiner nimmt auf eine US-amerikanische Psychologin Bezug, die von den “Mikromomenten der Verbundenheit” spricht. Diese können uns Menschen genauso aus der Einsamkeit herausholen wie das Zugehörigkeitsgefühl zu Sandkastenfreundschaften, Familie und anderen engen Bezugspersonen. An der Kasse stehen und plötzlich, vermeintlich zufällig, in Smalltalk verwickelt werden, wäre so ein Mikromoment, den es zu schätzen gälte.
Doch an dieser Stelle zeigt sich schon die erste Hürde. Wir sind es gewohnt, solche Gespräche als lästig abzutun. Unterstellen den anderen, uns Böses zu wollen und ziehen schnell die Reissleine. Zu viel Missgunst bevölkert unsere Herzen. Und diese macht einsam.
Wir könnten den Smalltalk auch umdeuten, nach dem Motto: Hier komme ich in Kontakt mit meinesgleichen. Hier schenke ich meinem Gegenüber fünf Minuten Aufmerksamkeit, die seinen Tag verschönern. Hier kann ich etwas geben und dadurch auch selbst das Lächeln und das Interesse des anderen empfangen. Für diese Zwischentöne des Alltags gilt es unser Bewusstsein zu schulen. Das Leben ist keine Generalprobe, sondern die Vorstellung. Wie ich mich gebe, hinterlässt Spuren im anderen und sei es, dass ich grimmig dreinschaue oder zuversichtlich vor mich hinlächle. Das wird registriert und lässt sich nicht rückgängig machen. Schon Smalltalk reicht aus, um den Anderen aus einem existenziellen Loch herauszuholen.
Ich habe Verena Steiners Buch mit der grössten Faszination gelesen. Die Autorin zeigt sich zerbrechlich und ein hohes Mass an Selbstreflexion - eine Mischung, von der sich viele heutzutage eine Scheibe abschneiden können zwecks eines besseren Miteinanders.