In Virginia Evans Briefroman lernen wir ihre Protagonistin, Sybil, 1939 geboren, über Briefe kennen, die sie verschickt und empfängt. Zeit ihres Lebens hat sie sich lieber schriftlich als mündlich ausgedrückt. Neben Briefkonstanten in ihrem Leben, wie ihren Bruder Felix oder ihre beste Freundin Rosalie, schreibt sie Schriftsteller*innen, Journalist*innen, Dozent*innen und vielen Menschen mehr. Ihr nahestehende Menschen lässt sie so an ihrem Alltag und ihren Gedanken teilhaben, spontan verleiht sie so aber auch bspw. ihrem Unmut Ausdruck. Faszinierend ist dabei nebst dem Blick Sybils auf sich selbst gerade auch jener aus ihrem direkten Umfeld, den wir den Antwortschreiben entnehmen können. Inwiefern unterscheiden sich bei Sybil, wie bei uns allen, Fremd- und Selbstbild? Wir begleiten Sybil von 2012 bis 2022, sie ist längst pensioniert, ihre erwachsenen Kinder haben bereits eigene Familien, der Blick auf ihr Leben im Besonderen und das Leben im Allgemeinen ist von ihrem Standpunkt geprägt. Kritisch, nachsichtig, versöhnlich, reumütig, manchmal aber auch gewohnt streitfertig schaut sie auf die schönen und schwierigen Momente ihres Lebens zurück, auf Liebe, Glück, Familie, Erfolg, Trauer, falsche Entscheidungen und zeigt uns nebenbei, was von Bedeutung ist.
Es ist ein ruhiger Roman, anfangs musste ich mich daher etwas durchbeissen. Das lag auch daran, dass es etwas dauerte, bis ich die Figuren präsent hatte und wusste, wem Sybil gerade schreibt und wie die Vorgeschichte der beiden lautet. Mit unterschiedlichen Schriftarten wird dezent zwischen Briefen, E-Mails etc. unterschieden, deren Briefkopf direkt Aufschluss über Datum und Adressat gibt. Dass die Briefe chronologisch aufgereiht sind, erleichtert die Orientierung.
Ich könnte mir vorstellen, dass Fans von Elizabeth Strouts «Olive Kitteridge» Freude an Sybil van Antwerp haben. Ich habe «Die Briefeschreiberin» mit der Zeit sehr ins Herz geschlossen.
Aus dem Englischen von Regina Rawlinson.