Die ersten Zeilen des hervorragenden Romans fassen den ganzen Inhalt zusammen:
Möchtest du lieber mehr lieben und mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? So lautet, scheint mir, die einzige wahre Frage.
Der Autor hat einen Roman über Liebe, Erinnerung, Verantwortung, Mut und Feigheit geschrieben, und vor allem, wie ein Leben von einer einzigen Begegnung definiert werden kann.
Der über Jahre dauernde, in drei Kapiteln erzählte Plot, endet in Selbsterkenntnis. Diese geht von der Ich-Form, in das „you“ (ist das „du“ oder „man“, kann man sich fragen) über und endet im „he“ (es war, als ob er seine Geschichte in der 3. Person erlebte). Barnes spielt hier gekonnt mit dem Auseinanderleben der beiden Liebenden.
Als Handlungshintergrund dient ihm das morsche England der Siebzigerjahre. Der von den gesellschaftlichen Regeln angewiderte Erstsemester-Student Paul Roberts lässt sich von seiner Mutter überreden, in den Semesterferien dem Tennisclub beizutreten. Da wird der 19-Jährige zu einem Doppel mit einer 48-jährigen verheirateten Frau gepaart. Daraus entsteht eine Affäre und Paul verliebt sich in die Frau, die ihn mit ihrem Humor und ihrer Nicht-Anpassung fasziniert.
Die grundlegende Theorie Barnes‘ fusst auf der Erkenntnis, dass wir alle unsere zentrale Erzählung haben, die uns definiert.
Paul führt ein Notizbuch über die Liebe. Erhellend dazu der Deckel der deutschen Ausgabe, wo „De einzige Geschichte“ in Druckschrift durchgestrichen und handschriftlich darübergeschrieben ist. Zeichen, dass Liebe nicht erfasst werden kann.
In den englischen Zitaten: love is unvolontary and unpredictable /love is an unvoluntary journey of suffering and joy/it could only ever be captured in a story kommt diese Schwierigkeit bestens zum Ausdruck.
Das geht vom leidenschaftlichen Anfang über schmerzliche Erlebnisse bis zum bitteren Ende. Wo endet Abhängigkeit, wo beginnt Mitleid? Ist Zuwendung und Pflege noch Liebe oder blosse Umsetzung des eigenen Verantwortungsgefühls? Was, wenn Liebe in Verbitterung und Verzweiflung endet? Was wenn Altlasten zum Ausbruch kommen, und gemäss Julian Barnes drücken sie immer durch:
Grosse Themen, die abgehandelt werden. Genau so tief werden Erinnerungen und Wahrheit abgehandelt. Die meisten von uns haben nur eine Geschichte zu erzählen. Neben dem tristen Lauf der Ereignisse sind auch humorvolle Sätze und Passagen eingebaut, so zum Beispiel Julians Analyse der Kreuzworträtsel- Passion Gordons (Susans Ehemann) und dem Betrug Joans in ebendiesen. Oder die amüsanten Definitionen der Ehe.
Erstaunlich die vielen Spoiler, die Barnes bewusst setzt, um Spannung einerseits ab- andrerseits aufzubauen.
Ein tiefgründiges Buch, sehr lesenswert.