Ein radikal gegenwärtiger Roman über die abgründigen Beziehungen zwischen Söhnen und ihren Müttern. Mit einer Sprachkraft, die Staunen macht, erzählt die preisgekrönte Schriftstellerin Ursula Krechel von symbiotischer Mutterschaft, von existenziell gefährdeten Frauen und von politischer Gewalt.
Mit seiner Mutter sprechen zu müssen, ist für den Sohn von Eva Patarak ein Staatsverbrechen. Für Eva hingegen ist es ein Verbrechen, dass ihr Sohn und sie offenbar ausspioniert werden. Welches Ziel verfolgt die Lateinlehrerin Silke Aschauer mit ihrer Observation? Will sie etwa einen Roman schreiben? Bieten die grausamen Familienverhältnisse der Antike, die sie für den Unterricht aufbereitet, nicht ausreichend Stoff für Faszination? Fest steht nur: Silke hält längst nicht alle Fäden in der Hand, denn ihr eigener Körper hat einen blutigen Aufstand gegen sie angezettelt, der sie in die Rolle der Patientin zwingt. In ihrer Ohnmacht wenden sich beide Frauen an die Justizministerin. Ursula Krechel schreibt in ihrem hochpolitischen und stilistisch herausragenden Roman eine Kulturgeschichte aller Frauen – von einer römischen Kaisermutter zu einer Studienrätin, von einer Verkäuferin in einem kleinen Kräuterimperium zu einer Ministerin. Es ist die Geschichte ihres Widerstands gegen die Gewalt, die ihnen physisch und psychisch zugemutet wird.
Dieser Roman hat keinen klassischen Plot – am Ende erkennt man zwar einen roten Faden, aber er verläuft nicht linear von A nach B. Die Erzählung springt, schweift ab, Gedanken werden ohne Vorwarnung eingebracht und minutiös weitergedacht, bevor wieder ein neues Thema auftaucht.
Das Buch ist in drei Kapitel aufgeteilt: Im ersten begegnen wir Eva Patarak, die in einem Kräuterladen arbeitet. Im zweiten steht Silke, eine Lateinlehrerin, im Mittelpunkt. Im dritten rückt die Ministerin ins Zentrum. Doch so klar, wie es hier klingt, ist es beim Lesen nicht – vieles vermischt sich, die Grenzen verschwimmen. Silke ist die Ich-Erzählerin und kündigt im Verlauf an, ein Buch über Eva Patarak und die Ministerin schreiben zu wollen. Doch beim Lesen bleibt unklar: Beschreibt sie wirkliche Ereignisse, die sie beobachtet? Oder erleben wir bereits die Geschichten, die sie sich für ihren eigenen Roman ausdenkt? Dieses Changieren zwischen vermeintlicher Realität und möglicher Fiktion ist ein reizvoller Schwebezustand, den Krechel bewusst offen lässt.
Ein großer Teil des Romans kreist um die römische Geschichte in der Zeit von Nero und seiner Mutter Agrippina. Daneben tauchen viele andere Motive auf: der ältere Sohn, der zuhause am Computer isoliert lebt, der Flug der Kraniche, Menstruationsprobleme und eine Hysterektomie. Das klingt vielleicht nüchtern, doch Krechel gelingt es, all das mit Spannung, Präzision und in rasantem Tempo zu erzählen. Ihre Sprache ist hochliterarisch, sie ist eine Wortkünstlerin.
Dies ist kein Buch, das man nebenbei lesen kann. Man muss dabei sein, konzentriert, bereit, mitzudenken. Krechel fordert ihre Leserinnen und Leser heraus. Wer lineare, leicht zugängliche Unterhaltung sucht, wird hier vermutlich scheitern. Wer sich aber gerne fordern lässt – wenigstens in der Literatur – findet hier ein anspruchsvolles, vielschichtiges Werk, das lange nachhallt. Für mich war es hervorragend.
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