Aus wechselnden Perspektiven schildert Lisa Graf als allwissende Erzählerin in chronologischer Reihenfolge die Geschichte der Confiserie Sprüngli. Nach einem kurzen Prolog in der heutigen Zeit (auf den später nicht erneut eingegangen wird), beginnt der Roman 1826 und umspannt 37 Jahre, in denen sich nicht nur im Hause Sprüngli einiges getan hat. Das ist, in meinen Augen, auch das grösste Verdienst dieses historischen Romans, dass Graf die Lebensumstände der Menschen in Zürich zu jener Zeit und aus verschiedenen Schichten lebendig werden lässt (Verdingkinder, Arbeiterbewegung, Aufstand der Landarbeiter, Zünfte etc.). Wir erfahren, wie viel (Wage-)Mut, visionäres Geschick, Vernetzung und auch Glück es brauchte, um in dieser Zeit des Umbruchs Traditionsunternehmen wie Sprüngli, Cailler, Suchard oder auch die Hotel Baur-Gruppe zu gründen. Graf lässt das heutige Zürich vor dem damaligen Gestalt annehmen, was ich enorm reizvoll fand. Die Figuren blieben für mich etwas auf Abstand, was vermutlich den wechselnden Perspektiven und den Zeitsprüngen geschuldet war. Die meiste Zeit über störte es mich nicht und ich habe stattdessen genossen, so viele Figuren ein wenig kennenzulernen und einen Überblick über verschiedene Themen zu erhalten. Wer tiefer eintauchen möchte, wird möglicherweise im Anhang fündig. Dort hat Lisa Graf zudem die Bücher aufgelistet, die ihr bei der Recherche gedient haben.
«Lindt & Sprüngli – Zwei Familien, eine Leidenschaft» ist ein faszinierender, leicht zu lesender Roman, der die Schweiz des 19. Jahrhunderts lebendig macht und uns einen Einblick in den Aufstieg der Familie Sprüngli bietet. Um mehr über die Familie Lindt zu erfahren, die hier so gar nicht vorkommt, muss jedoch vermutlich Band zwei gelesen werden ;-)