Ein modernes Sittengemälde der heutigen Zeit - aus Israel. Aber das hätte überall spielen können, denn Vorurteile sind an kein Land gebunden. Am Anfang war ich gar nicht begeistert - das Einzige, was mir gefiel, war eben das Cover mit dem Schwan. Und als ich die ersten Seiten las, dachte ich: “Oh nein, ein Baby, seine Mutter und der Handwerker!” Aber dann bekam das Buch Action, Spannung und man konnte es nicht mehr weglegen. Der Schwan als Symbol der Aufrichtigkeit, des Stolzes, der Reserviertheit, aber auch der Aggressivität, wenn man ihm zu nahe kommt.
Der Stein des Anstosses war eben das Kurz-aus-den-Augen-Verlieren ihres knapp anderthalbjährigen Sohns der jungen Mutter Naomi. Damit wurde quasi eine unglückliche, verhängnisvolle Lawine an Missverständnissen ausgelöst, die schliesslich die junge Familie ins Ausland - sprich Afrika - “fliehen” liessen, um der Schmach, der Scham, der Schuldgefühle zu entgehen. Das half zwar nur vordergründig, aber die Schuld blieb.
Der kleine Uri krabbelt Richtung Balkon, wo der arabische Handwerker seine Werkzeugtasche offen liess. Dieser ist kurz ausgetreten, Balkon und Tasche unbeaufsichtigt, das Baby neugierig, stösst irgendwie an einen Hammer, der sich Richtung Brüstung absetzt und 4 Stockwerke runterfällt. Ausgerechnet auf den Kopf eines 16jährigen russischstämmigen Jungen, der blau macht, also die Schule schwänzt, der Sohn eines Gemüsehändlers um die Ecke. Dieser stirbt, die Passanten schreien, schauen nach oben, wissen, dass da ein arabischer Handwerker tätig ist. Die Ambulanz kommt, der tödlich getroffene Junge wird mitgenommen und die Nachbarn reden von “Terroristen”. Zufällig kommt der 10jährige Sohn des Handwerkers vorbei und wird - als Araber - sofort attackiert, obwohl er nur seinem Vater, dem Handwerker, sein Mittagessen vorbeibringen wollte. Uris Mutter Naomi ist sich bewusst, wer schuld war am Unfall, informiert zwar ihren Mann Juval, der bald kommt, aber nicht die Polizei, der sofort auftaucht und den unschuldigen arabischen Familienvater verhaftet. Die Spannung wächst, die Umgebung ändert und man spürt deutlich die Vorurteile der Juden (in Israel) gegenüber ihren arabischen Landsleuten, die Sündenböcke für alles, quasi der Abschaum, mit dem man nichts zu tun haben will, man ist ja um vieles besser als diese “Terroristen”.
In Afrika ist Naomi zum Nichtstun verdammt, freundet sich in der jüdischen und der englischen Community mit anderen an, während Uri nach dem Vorfall zuhause Alpträume hat, die er nicht erklären kann, weswegen die Eltern eine jüdische Psychologin aufsuchen. Diese kann zwar helfen, aber sie und Juval, der Ehemann, sind alte Vertraute, sie war seine Geliebte. Wieder ein Spannungspunkt. Nachdem sein Sohn “geheilt” ist, lässt sich Juval behandeln. Naomi stattdessen macht Freiwilligenarbeit in einem Kinderheim, wo sie eine reiche, arrogante Afrikanerin kennenlernt, die Naomi wiederum von oben herab behandelt (“diese Weissen”). Obwohl sie sich dann anfreuden, endet die Freundschaft abrupt nach einem verhängnisvollen Essay der Afrikanerin, die in London studiert hat, im “Guardian”, weswegen Juval quasi wieder pseudoversetzt wird. Und immer wieder bekommt das Ehepaar Drohbriefe und -anrufe aus Israel. Dabei hat sich ja vor ihrem Umzug nach Afrika ja das Missverständnis geklärt, aber der älteste Sohn des arabischen Handwerkers fordert Schadenersatz, tyrannisiert die Familie - auch aus der Ferne.
Atmosphärisch sehr gelungener, bedrückender Roman, wo Religion, Tradition, Politik, Vorurteile, Bildung, Klassendenken spürbar wird - ob in dieser oder jener Richtung. Hätte nicht erwartet, dass mich das so packt.