Im Zentrum des Romans steht der Erzähler – ein Schriftsteller namens Christian, also eine fiktionalisierte Version von Christian Kracht –, der mit seiner alten, psychisch angeschlagenen Mutter in einem Taxi quer durch die Schweiz fährt. Auf dieser Reise brechen tief vergrabene Familiengeheimnisse auf: die Nazi-Vergangenheit des Grossvaters, die schwierige Beziehung zum Vater, Missbrauchserinnerungen und die brüchige familiäre Identität. Schon diese Ausgangslage bringt das Buch in ein Spannungsfeld aus Nähe, Abwehr, Schmerz und merkwürdiger Zärtlichkeit.
Das Buch hat mich ganz bewusst aus meiner Komfortzone gerissen. Die Mischung aus schonungsloser Offenheit, verstörenden Enthüllungen und diesem typisch leicht ironisch gebrochenen Ton erschafft eine Atmosphäre, die gleichzeitig unangenehm und faszinierend ist. Genau diese Provokation fand ich ziemlich stark: sie zwingt zum Nachdenken über Herkunft, Verantwortung und die Last familiärer Geschichten. Der Schreibstil ist klug, reduziert, manchmal beinahe weise in seiner Zurückhaltung. Trotz der dunklen Themen bleibt eine Leichtigkeit im Rhythmus der Sprache, die das Lesen angenehm macht, ohne die Schwere zu banalisieren.
Ein besonderer Bonus für meine Leseerfahrung war jetzt im Nachinein, dass ich Christian Kracht bei der BuchBasel 2025 live erlebt habe. Er war unglaublich sympathisch, witzig, offen und zugleich sehr reflektiert – vor allem als er über seine Mutter und seine Eltern sprach. Diese Einsichten haben viele Stellen des Romans für mich emotional noch einmal vertieft. Ich werde mir in Zukunft definitiv jeden seiner Vorträge anhören.
Fazit: Eurotrash ist kein Wohlfühlroman, sondern ein bewusst verstörendes, sprachlich brillantes Werk, das provokativ, klug und emotional vielschichtig ist.