DIE HOLLÄNDERINNEN
Die Lektüre des kurzen Romans «Die Holländerinnen», Gewinner des Deutschen Buchpreises 25 von Dorothee Elmiger, verlangt einiges vom Leser. Nicht weniger als eine konzentrierte Lektüre, um all die Anekdoten, philosophischen Einschübe, das Geschehen auf drei Ebenen einordnen zu können.
Beginnen wir mit der Konstruktion: Die Erzählerin ist eine namhafte Autorin, die im Auftrag des leitenden Theatermachers im Dschungel als Drehbuchführerin fungiert. Dabei notiert sie bruchstückhaft ihre Erlebnisse. Dass sie sich bei einem Sturz das Handgelenk staucht und dadurch gezwungen wird, links zu schreiben, passt zur Anlage, dass alles irgendwie unklar, verwischt, doppeldeutig, interpretierbar wird, und die Grenzen zwischen Realität und Interpretation sich auflösen.
Als Basis dieser Vorlesungs-Episoden dient das reale Verschwinden zweier Holländerinnen, welches die Erzählerin rekonstruieren soll: ein zugegebenermassen schwieriges, wenn nicht monströses Unterfangen, (welches mich) wohl persönlich an (meine) Grenzen bringen (werde) p.35
So spürt sie selbst, dass ihr Schaffen an diesem Text immer fragmentierter wird (p.10), ihr Schaffen in einem Prozess der Auflösung ist. (p.11)
Die reale Handlung, gewissermassen die Zwischenebene, spielt sich auf ihren Streifzügen auf den Spuren der Verschwundenen, im Austausch im Team, und in Interviews mit Zeitzeugen ab.
Nun kommt alles wieder empor.
Je prägnanter die düsteren, morbiden Bilder der Gegend sich vor dem Leser aufbauen, sich wieder auflösen und durch noch gruseligere ersetzt werden, desto makaber werden auch die Geschichten der Beteiligten, die sie selbst «beunruhigende Parallelgeschichten» p. 145 nennt.
Der Leser fühlt sich ins Dschungeldickicht mitgerissen, teilt die Ängste der Betroffenen, kann sich aber meist nicht zurechtfinden zwischen dem Gesagten und den Vorgängen.
Elmiger lässt sich sehr stark führen von Aussagen namhafter Philosophen, wie z.B. Merleau-Ponty: es sei dem Sichtbaren eigentümlich durch ein Unsichtbares gedoppelt zu sein, das es als ein gewissermassen Abwesendes gegenwärtig macht. p.18, illustriert dies aber, und das ist zweifellos der grosse Verdienst dieses Werkes mit scheinbar zusammenhanglosen, oftmals halluzinatorischen Bildern, mit Identitätsveränderungen der beteiligten Personen.
Verstörend die Geschichte der Ziegen, beängstigend die Suche nach dem abgestürzten Zahnarzt, verstimmend die plötzliche Wesensveränderung des amerikanischen Malers, schwer nachvollziehbar der Ausraster der Mutter des Griechen.
Daneben beherrscht Elmiger die Erschaffung der düsteren Stimmung durch scheinbar übergangslos aneinandergereihte, eskalierende Vorahnungen, Vorboten und Ereignisse.
Aber all diese in ihrer Schlichtheit nachvollziehbaren Anekdoten mit andrerseits kaum zu erahnenden Konsequenzen lassen den Leser wie die Protagonisten durch den Dschungel irren, Abhänge runterschlittern, seine Vermutungen sich in Nichts auflösen. Und so wird er am Gängelband geführt, wie die Gruppe im Urwald, die ihrem Leithammel bedingungslos folgt.
Geht dann gar nichts mehr, hilft sicher das Zitat von Oscar Wilde. Das eigentliche Mysterium der Welt sei, das Sichtbare, nicht das Unsichtbare. 104
Am Ende werden die zerklüftete äussere Landschaft und die emotional überspannte innere Landschaft gespiegelt, verheddern sich die drei Erzählungsebenen, wird alles zu einer unfassbaren Doppelung, zu einer unentwirrbaren Verstrickung, zu einem äusserst labilen Schwebezustand zwischen Hell und Dunkel.
Kein Buch für den Strand, aber Auslöser vieler Vermutungen, Spekulationen und Irrtümer. Aber ein Buch, welches zeigt, wie stark unser Unterbewusstsein unsere Gedankengänge steuert, wie Unbekanntes Angst erzeugt und wie diese ein schlechter Ratgeber für Aktivitäten ist.