In dem dünnen Band “Grossmütter” ist viel Platz für eigene Gedanken, Erfahrungen, Vorurteile oder gehörten Erzählungen aus dem Umfeld. Die verdichtete kurze Sprache entfaltet eine Sogwirkung. Beide Charaktere der Grossmütter ohne Namen, aber mit eigener Schriftfarbe, geben uns Einblicke in ihr gewaltgetränktes Leben in Kamerun und in der Schweiz: Wegnahme eines unehelischen Kindes, Verstossen aufgrund des “Fluchs” nur Töchter zu gebären, Schläge, … In Ich-Erzählungen stellen die beiden Protagonistinnen eine grosse Nähe her, die man nicht immer gut aushält, denn es geht um Abhängigkeiten in der Ehe und der Familie. Zu gerne würden wir sagen, das war früher, das ist auf einem anderen Kontinent, das betrifft nur arme Familien. Doch die Grossmutter aus Kamerun kommt aus gut situierten Verhältnissen, die Grossmutter in der Schweiz ist sicher auch heute noch zu finden. Das Buch bietet jeweils eine “Lösung” an, die erst in der Enkelgeneration greift. Doch hier bleiben viele Fragen offen. Das ist auch Teil der Sogwirkung des eindrücklichen Buches. Ein Beispiel: “Der Tyrann ist weg. Jetzt kannst du endlich glücklich und frei leben. Pflegt sie zu sagen. Weiss sie denn nicht, dass man das Glücklichsein lernen muss?” Mit “sie” ist die Enkelin gemeint.
Der Autorin gelingt es auf poetische Art brutale Welten erfahrbar zu machen. Sie legt ein grossartiges Werk über das Menschsein vor, in dem Abgründe nahe bei Zärtlichkeit, Zugewandtheit und Mut liegen.