Mit präzisem, unnachgiebigem Blick zeigt Stelling, wie soziale Herkunft Lebenswege formt und wie subtil, aber machtvoll ökonomische Unterschiede unser Miteinander bestimmen. Die Erzählerin bewegt sich zwischen Wut, Verletzlichkeit und scharfem Bewusstsein darüber, was ihr verwehrt bleibt – und was andere selbstverständlich für sich beanspruchen. Das Buch ist unbequem, ehrlich und tröstlich zugleich, weil es Worte findet für etwas, das im Alltag oft unausgesprochen bleibt. In Zeiten steigender Mieten und akuter bezahlbarer (!) Wohnungsnot wirkt Stellings Buch noch dringlicher: Es zeigt, wie Wohnraum nicht nur ein Dach über dem Kopf ist, sondern eine Frage von Zugehörigkeit, Sicherheit und Zukunftschancen - und wie tatsächlich voraussetzungsvoll das Ganze doch ist.
Schäfchen im Trockenen von Anke Stelling hat mich nachhaltig beeindruckt. Die erste Lektüre ist jetzt auch schon länger her, doch ich muss immer wieder daran denken; diese Lektüre holt mich regelmässig ein, da sich meine Beobachtungen mit Stellings Fiktion (leider) immer wieder überschneiden…