Als ich Ein wenig Leben zum ersten Mal begonnen habe zu lesen, kam ich bis Seite 320. Dann habe ich es weg gelegt – zu lange, um später einfach weiterzulesen. Also begann ich noch einmal von vorn.
Erst beim zweiten Versuch habe ich verstanden, warum ich damals aufgehört hatte: Dieses Buch ist schwer auszuhalten. Nicht, weil es kompliziert geschrieben ist, sondern weil es tief in Wunden greift, die man lieber nicht berührt.
Es ist schwer zu begreifen, wenn man so etwas nie erlebt hat. Und auf eine andere, noch schmerzlichere Weise schwer, wenn man es kennt. Denn es gibt keinen Grund für solche Grausamkeiten – und oft auch keine Lösung. Man bleibt damit sehr allein.
Ich habe mich in vielem wiedergefunden – in Gedanken, in Gefühlen, in der Art, wie Schmerz in einem nachhallt. Dieses Buch hat mir geholfen, manches in mir selbst besser zu verstehen und anzunehmen, was oft keinen Namen hat.
Ich wünsche mir, dass dieses Buch die Möglichkeit schenkt, die andere Seite zu sehen – die, die oft unsichtbar bleibt, weil das Gegenüber nicht sprechen kann. Weil es zu fest weh tut.
Vielleicht ist das Einzige, was wir wirklich tun können: da sein. Aushalten.