Das Gedankenexperiment ist schnell erklärt: Sexuelle Fortpflanzung gilt als verpönt, künstliche Befruchtung ist die Methode; die Familie ist eine Zwecksbeziehung, der Liebe wird ausserhalb dieser oder in der Fantasie gefrönt (dabei jedoch offen und transparent, gesellschaftlich vollumfänglich akzeptiert).
Faszinierend, dass die Protagonistin den eigentlichen Ursprung des Unbehagens, das mich als Lesenden begleitet, selbst beschreibt: “Es war unheimlich, aber auch jetzt waren wir in einem von bestimmen Werten beherrschten Raum eingeschlossen.”
Man verspürt denselben Schrecken wie die Romanfiguren, nur in umgekehrter Richtung. Wo wir hier einen dystopischen Roman über eine mögliche Zukunft lesen, erzählen sich die Figuren selbst Schauermärchen aus der “alten” Welt. Ja, auf den herrschenden Bezugsrahmen kommt es an - und den rigoros verlassen, ist fast unmöglich (und vielleicht auch nicht wünschenswert). Deshalb geht diese Art von Geschichte immer schon von einer vollendeten Wandlung aus; selten wird der Weg von einer Bezugsnorm zur anderen beschrieben, auch weil der Wandel sich schleichend vollzieht, mit minimalen Veränderungen über Generationen hinweg.
Daher stellt sich weniger die Frage nach der Möglichkeit dieser Zukunftsvision als vielmehr die Frage, ob wir diesen Zustand erreichen wollen, ob wir vielleicht nicht schon auf dem Weg dorthin sind und mit welchen Mitteln wir den Wandel beschleunigen oder verhindern wollen.
Die chirurgisch präzis kalte Sprache passt perfekt zum vermittelten Inhalt, widerspiegelt das nicht vorhandene Gefühl, den wissenschaftlichen Umgang mit Liebe und Sexualität. Und obwohl ich das weiss, obwohl das so gut passt, habe ich nach einem Drittel abgebrochen. Die Sterilität nahm mir zwar nicht das Interesse am Thema, aber eben die Lust am Lesen.