Buchrezension – Làzar
von Nelio Biedermann
Ich hatte mich wirklich sehr auf Lazar gefreut. Das Buch wurde überall so hoch gelobt – sogar meine Lieblingsbuchhändlerin hat es mir begeistert empfohlen. Da ich Familiensagas und Romane mit geschichtlichem Inhalt liebe, bei denen man auch etwas über vergangene Zeiten lernt, was man vielleicht vorher nicht wusste, waren meine Erwartungen entsprechend hoch. In beiden Punkten – sowohl als Familiensaga als auch als historischer Roman – hat mich das Buch jedoch etwas enttäuscht.
Lazar von Nelio Biedermann hat mich auf mehreren Ebenen überrascht. Besonders beeindruckt hat mich, wie sprachlich versiert und stilistisch sicher der Autor schreibt – vor allem angesichts seines jungen Alters. Die Sprache ist anspruchsvoll, teilweise fast poetisch, und man merkt, dass jedes Wort bewusst gewählt ist.
Am Anfang hat mich der Aufbau des Romans an Yaa Gyasis ‘Heimkehren’ erinnert: ständig rückt eine neue Figur aus derselben Familie in den Mittelpunkt, wodurch sich über Generationen hinweg ein komplexes Bild ergibt. nach ungefähr der Hälfte kommen dann aber keine neuen Familienmitglieder hinzu. Die manchmal sehr kurzen Kapitel tragen dazu bei, dass man das Gefühl hat, stetig voranzukommen – trotz der inhaltlichen Dichte.
Allerdings verlangt das Buch viel Konzentration. Ich musste mehrfach Sätze oder ganze Abschnitte noch einmal lesen, um den Sinn vollständig zu erfassen. Man erkennt nicht immer sofort aus welcher Perspektive gerader erzählt wird. Das liegt nicht nur an der anspruchsvollen Sprache, sondern auch an der Vielzahl von Figuren, die im Verlauf auftauchen. Teilweise fiel es mir schwer, den Überblick zu behalten oder die einzelnen Charaktere klar voneinander zu unterscheiden. Dadurch blieb mir die emotionale Tiefe der Figuren manchmal etwas verschlossen, weil ich sie nie wirklich kennengelernt habe – sie verschwimmen stellenweise ineinander. Ich hätte mir auch so gerne mehr emotionale Tiefe gewünscht… leider konnte ich mit keinem der Charaktere eine ‘Verbindung aufbauen’.
Auffällig ist auch, dass Biedermann viele politische und historische Ereignisse einbindet, diese jedoch eher als Hintergrund für die Dramaturgie dienen, statt wirklich vertieft zu werden. Dadurch lernt man über die geschichtlichen Zusammenhänge selbst erstaunlich wenig. Das ist schade, denn gerade diese Themen hätten dem Buch zusätzliche Tiefe geben können.
Insgesamt vermittelt Lazar den Eindruck, ein historischer Roman zu sein, bewegt sich aber inhaltlich eher im Bereich der gehobenen Unterhaltungsliteratur. Es ist sprachlich ambitioniert, stilistisch durchdacht – und zugleich thematisch schwer greifbar. Irgendwie ist es alles und nichts: ein sprachlich starkes, aber inhaltlich schwer einzuordnendes Werk. Und ich frage mich ständig: Musste ich wirklich etwas über den Zerfall der Aristokraten lernen?!
Für mich war Lazar letztlich ein Buch, das mehr verspricht, als es einlöst – bewundernswert in der Sprache, aber enttäuschend in der Tiefe.