Verena Keßlers namenlose Protagonistin verliert im Verlauf des Romans zunehmend jeglichen Bezug zur Realität. Dem Sog, den sie darüber aufbaut, konnte ich mich kaum entziehen, auch wenn ich mich beim Lesen wand.
Nach einem Prolog, der die Gefühlswelt der Ich-Erzählerin nach den ersten Monaten im neuen Job vorwegnimmt, geht es zurück zum Vorstellungsgespräch und von dort chronologisch weiter. Keßler unterteilt ihren Roman in den ersten, zweiten und dritten Satz auf, analog zu – Achtung, ich habe keine Ahnung vom Fitnessjargon – Trainingseinheiten im Fitnessstudio. Die meiste Zeit verbringen wir mit der Erzählerin im Gym. Was und ob sie überhaupt etwas in ihrer Freizeit macht, erfahren wir nicht, wie sie lebt, schildert sie nur am Rande. Privatleben scheint sie keines zu haben, auch wenig bis keine Kontakte ausserhalb der Arbeit. Sie deutet zu Beginn an, dass sie nicht freiwillig ihren früheren Job verlassen hat, dass es einen Vorfall gab. Was genau passiert ist, schildert sie später und zwar in Rückblenden, die immer stärker in die Gegenwart drängen, sich mit ihr vermischen, die Protagonistin und uns förmlich mit sich reissen. Erzählerisch ist der Roman enorm stark, die ambivalente Hauptfigur fesselt und ihre Geschichte wirft einiges an Fragen auf. Nichts für schwache Nerven, mit tiefschwarzem Humor, einem sich steigernden Grauen und offenem Ende. «Gym» werde ich ganz sicher nicht vergessen.