Klarstellung: Ich habe die englische Version There are Rivers in the Sky gelesen und deren Namen verwendet.
Der komplexe historische Roman von Elif Shafak verwebt drei Charaktere verschiedener Generationen, verschiedener Epochen und Orte und verbindet sie durch das lebensspendende Element Wasser.
Ein guter Einfall, der allerdings Gefahr läuft, in alle Richtungen zu zerfliessen.
Die Formel H₂O steht auch über den Protagonisten. So ist Arthur, dem rund die Hälfte aller Kapitel gewidmet ist, das verbindende Atom Sauerstoff zwischen den beiden weiblichen Hauptpersonen Narin und Zaleekhah.
Wasser in all seinen Facetten vom einzelnen Tropfen (auch in abgeänderter Form als Muttermilch und Cholerabakterium auftretend) über das Phänomen Regen bis zu den Geschichte-schreibenden Flüssen Thames und Tigris steht für die Erneuerung des Lebens, für den Zyklus der Natur.
Wie das Wasser fliessen durch den ganze Roman Wiederholungen, Verknüpfungen und rote Fäden, stauen sich Vorankündigungen, das prägende Stilmittel Shafaks. Da ist die Eiche, unter der Arthur geboren wird und unter der auch sein Grabstein liegt. Nicht genug damit, auch neben Zaleekhah’s Hausboot wächst eine Eiche. Und Arthur’s Abstammung als tosher (Kanaljäger) steht sinnbildlich für Shafaks Wühlen in der Vergangenheit.
Und Zaleekhah sagt: We are mudlarkers, all of us. (p.434) = Wir alle wühlen im Schlamm der Vergangenheit.
Neben vielen anderen wiederkehrenden Elementen sind da Suizide, die Lebensläufe verändern, ist da die Reue der Protagonisten über begangene Fehler und die unberechenbaren Eingriffe des Schicksals in die drei exemplarischen Biografien.
Für Arthur wegweisend sind die Lamassu, die riesigen Steinblöcke — fünfbeinige Wesen mit dem Leib eines Löwen, Flügeln und einem menschlichen Haupt — oder in Shafaks Analyse menschliche Intelligenz, gepaart mit der Übersicht von Vögeln und der unbändigen Kraft eines Stiers oder Löwen. p 8 — , die einst den Palast des mesopotamischen Herrschers Ashurbanipal bewachten und dem Britischen Museum übergeben werden. Diese erwecken sein Interesse an den Tablets mit den Keilschriften, seine Faszination für das Epos von Gilgamesch.
Die Suche nach diesem Gedicht steht denn auch im Zentrum der Handlung.
Shafak verknüpft darin eine ihrer zentralen Aussagen, dass das Gute und das Böse im Menschen steckt und dass dieser Mühe hat, seine Endlichkeit zu akzeptieren.
Wie so oft bei dieser Schriftstellerin — Kritiker werfen ihr vor, allzu viel in ihre Bücher zu packen — überflutet den Leser eine Fülle von meist wissenswerten Details; so sind selbst die Namen der Schreiber ursprünglich der Göttin Nisaba gewidmet, die dann aber plötzlich dem Gott Nabu weichen muss.
Die jüngere weibliche Hauptperson, die 9-jährige Jesidin Narin soll im Heiligen Land getauft werden. Shafak benutzt sie als Empfängerin der Weisheit und der Geschichten ihrer Grossmutter Besma, die zum Sprachrohr der grausamen Genozide gegen ihr Volk (als Teufelsanbeter gebrandmarkt) wird. Ist es symptomatisch, dass Narin langsam ihr Gehör verliert, parallel zur Weltöffentlichkeit, welche wohlwissend diese Gräueltaten verdrängt?
Water remembers, it is humans who forget. p.18 Mit dieser Aussage wagt sich Shafak wissenschaftlich weit vor, und um diese These zu untermauern, komplettiert sie das Trio durch die Hydrologin Zaleekhah, die als Romanfigur am wenigsten entwickelt ist, auch Gilgamesh liest und wie er homoerotische Züge zeigt.
Shafak brilliert bei den Beschreibungen Londons in den 1850ern, ebenso wie bei derjenigen Konstantinopels.
Die Kapitelnamen 1.Regentropfen/2.Geheimnisse des Wassers/3.Unzähmbare Flüsse/4.Erinnerungen des Wassers/5.Flut deuten in ihrer Reihenfolge die auf den über 450 Seiten entwickelte Dramatik an.
Der Leser erfährt im Nachwort, welch gewaltige Recherche-Arbeit die Autorin auf sich genommen hat, diese aber relativiert mit:
Fiction allows us to grasp important and sensitive subjects from multiple angles — a freedom we are steadily losing in the age of social media and unfeeling algorithms. p. 476 = Romane erlauben uns, wichtige und heikle Themen unter verschiedenen Gesichtspunkten zu beleuchten — eine Freiheit, die uns im Zeitalter der sozialen Medien und der gefühllosen Algorithmen allmählich abhandenkommt.
Shafak, ist diejenige, die in die Tiefe blickt (Name des Hausbootes von Zaleekhah: She who saw the deep/Name des Tattoostudios: The forgotten goddess ), die zugegrabene Flüsse wieder entdecken lässt, die dem Wasser die Herrschaft überlässt (never forget the only true ruler is water, p. 184)
Fazit: ein lesenswertes Buch, welches Einblick in Mesopotamien, den Kunsthandel, die Unterdrückung der Frau und das scheussliche Gebaren der Vertreter des Kalifates den Jesiden gegenüber thematisiert.
Einzige von vielen Lesern unterstützte Kritik: weniger wäre oft mehr.