Im Meer waren wir nie ist ein stilles, vielschichtiges Buch, das sich mit jeder Seite tiefer entfaltet. Meral Kureyshi schreibt in einer fragmentierten, präzisen Sprache, die wie Wellen anschwillt und zurückzieht – nie laut, aber stets eindringlich. Anfangs fiel es mir schwer, in den Rhythmus der kurzen Sätze und wechselnden Perspektiven zu finden, doch bald wurde genau das zum Reiz: die Herausforderung, aufmerksam zu lesen und Verbindungen selbst zu entdecken.
Ich habe mich stark mit der Ich-Erzählerin beschäftigt, deren Gedanken ich sehr nah erlebte, deren Gesicht ich aber nie wirklich sah – als würde man mit ihr durch ein Fenster schauen, ohne dass sie sich jemals spiegelt. Immer wieder streut Kureyshi feine Hinweise zu Herkunft, Sprache und Ort, die sich wie Puzzleteile anfühlen, aber nie ganz zusammenfügen. Diese Offenheit hat mich fasziniert und zugleich nach mehr greifen lassen.
Im Meer waren wir nie ist kein leichtes, aber ein tiefes Buch – wie ein Tauchgang, bei dem man immer wieder Luft holen, hinschauen und weiter in die Tiefe vordringen muss. Wer sich auf diese ruhige, dichte Sprache einlässt, wird belohnt mit einer stillen, nachhallenden Lektüre über Erinnerung, Herkunft und das Erwachsenwerden zwischen Nähe und Verlust.