Der Krimi ist spannend und gutgeschrieben, leicht lesbar, die Personen sind sehr gut gezeichnet. Mich beschäftigen die beiden Kinder, Noah und Emilia, was in diesen beiden verborgen ist, was sie erlebt haben und was diese traumatischen Erfahrungen mit ihnen macht. Warum lässt sie den Stein fallen, als Mato Daniel erwähnt wegen der Erde? Und was ist mit dem Brot am Waldrand?
Es ist mein erster Ivanov, und ich finde, sie spielt sehr gekonnt mit Vermutungen und Fährten, mit versteckten Hinweisen und vorschnellen Schlüssen, die man daraus zieht oder ziehen kann.
Siena ist vor allem unsicher, sucht Schutz für ihre Kinder; Kasimir ist der brutale Sektenboss.
Sowohl Siena als auch Mato sind sich ihrer Rolle nicht ganz sicher, Mato scheint sich zeitweise zu verlieren, und Siena sieht in ihrer Naturverbundenheit nicht, wer sie da beschützt und vereinnahmt.
Interessant ist, dass Mato die Rolle so gut spielt, dass sie ihn einzuholen scheint, und auch seine bisherigen Überzeugungen in Frage zu stellen scheint.
Es gibt ja viele Lebensweisen, eigentlich sollten wir toleranter sein, denn selten sehen wir, was hinter dem Verhalten eines andern Menschen steckt. Für mich hört die Freiheit dort auf, wo andere Menschen manipuliert oder geschädigt werden. Und da bin ich mir bei Siena und bei Kasimir nicht sicher, was wirklich dahinter steckt. Ob Siena wirklich nur die Naturnähe sucht und den totalitären Hintergrund der Sekte ausblendet?
Auch ich arbeite gerne draussen, im Gemüsegarten, im Wald, mache selber Konfitüre und ernte Samen von Gemüse. Warum diese Naturverbundenheit und Einfachheit von Sekten und Rechtsextremen missbraucht wird, ist mir auch ein Rätsel, ein Spiel mit der Sehnsucht der Menschen nach Geborgenheit und Ursprünglichkeit, nach Freiheit von all den Problemen unserer Welt, die uns bedrängen und ängstigen. Und warum auch sehr intelligente Menschen auf Sektengurus reinfallen und sich alles Unmögliche befehlen oder verbieten lassen, verstehe ich auch nicht.
Mit dem Verschwinden der Kinder wird natürlich ein neuer Spannungsbogen aufgebaut. Der Unterschied zwischen Noah und Emilia wird immer deutlicher - wie unterschiedlich Kinder auf Indoktrination reagieren können! Emilia scheint die ganze Angst von Siena in sich aufgenommen zu haben. Ob sie den Mord live mit ansehen musste? Dass die Spannung zwischen Flint und Mato steigt, ist nur allzu verständlich, und ob sich Mato nicht doch langsam aber sicher ausklinken sollte…?
Die Hintergründe der Anastasia-Sekte werden immer grausliger, es befremdet, wie viele “blauäugig” irgendwelchen Gurus glauben, was Erziehung, Ernährung, Gesundheit, Schule angeht. Auch was sich die derzeitige US-Regierung bezüglich Gesundheit, Forschung etc leistet, kann einen schon nachdenklich machen.
Nach wie vor gefällt mir der Schreibstil von Petra Ivanov, sie versteht es, verschiedene Ebenen parallel weiterzuspinnen und die Frage nach dem oder den Mördern und dem Verbleib von Daniel zuzuspitzen.
Und es kommt anders, als man denkt! Genial, wie uns Ivanov an der Nase herumführt, wie sie Fährten legt und am Ende diese Spuren anders als vermutet zu einem anderen Ziel führt.
Nachdenklich macht, wie Einsamkeit und Verlustangst Menschen in Abhängigkeiten führen, aus denen sie nicht mehr herausfinden, wie sie dann manipuliert werden können und sich selbst verlieren – und zugleich unberechenbar und sehr manipulativ werden, unter dem Deckmantel, die Kinder schützen zu wollen.
Die kurze Episode in der Lebensgemeinschaft im Jura zeigt, wonach Menschen suchen: Verbundenheit, Einfachheit und Gemeinschaft, in gegenseitigem Respekt leben zu können, als eigenständige Person wahrgenommen und anerkannt zu werden. Der Anastasia-Überbau wäre aber nicht nötig!
Dass sich Flint und Cavalli vorerst trennen, ist eine logische Folge von Cavallis Verhalten, wie er sein Leben weiter gestalten wird, bleibt offen und wird sich – vielleicht – in einem 11. Flint/Cavalli zeigen.
Insgesamt ein spannender, gekonnt geflochtener Krimi, der bis zum Ende spannend bleibt, ohne auf reisserische Elemente zurückgreifen zu müssen.