Fantasy-Settings, die nicht auf der altbewährten Mittelalter-in-Europa-Ästhetik (oder einer Annäherung daran) aufbauen, sind selten. Umso mehr hat es mich gefreut, dass So Let Them Burn sich nur ein Stück weit auf all diese Elemente stützt. Die Insel von St. Irie und die Nachkriegsperiode, in der sich das Land befindet, ist eine erfrischende Abwechslung zur altbewährten Formel und Schriftstellerin Kamilah Cole bietet in ihrem Erstlingswerk viel Potenzial.
Potenzial ist aber leider das Meiste, das sich im Buch finden lässt. Es ist atmosphärisch geschrieben, aber das Worldbuilding setzt sich mehrheitlich aus einer Handvoll grosser Ideen und kultureller Details zusammen. Für mich war das eigentlich okay, aber Fans von sehr ausgeklügeltem Worldbuilding könnte es womöglich nicht ganz reichen. Die Protagonistinnen, Faron und Elara Vincent, werden nie ganz greifbar, weil viele der wichtigsten Teile ihrer Entwicklung bereits in der Vergangenheit liegen und nie miterlebt werden dürfen. Das wiederum führt dazu, dass wir auch ihre Beziehungen zu den anderen Charakteren immer nur aus einem höflichen Abstand beobachten. Und der Wiederaufbau nach dem Kolonialismus, das Kernthema der Geschichte, wird konsequent immer wieder aufgegriffen, aber dadurch, dass alle anderen wichtigen Elemente des Buchs so sehr an der Oberfläche bleiben, kann es nie wirklich Tiefgang gewinnen.
Mir ist bewusst, dass YA nicht der Ort für derart schwere Kost ist, aber als Ganzes fühlt sich So Let Them Burn vor allem wie eine Kostprobe an.
Davon abgesehen lässt auch die deutsche Übersetzung sehr zu wünschen übrig. Von seltsamer Wortwahl, fehlenden Buchstaben und falschen Fällen bis hin zu Wörtern, die durch eine falsche Übersetzung einer Handlung die Logik nehmen: Alle paar Seiten stolpert man über eine andere Kuriosität. Ich habe das Buch auf Deutsch angefangen, aber je mehr sich die Fehler gehäuft haben, desto ärgerlicher war das Leseerlebnis. Lesenden, deren Sprachkenntnisse für einen Jugendroman auf Englisch reichen, empfehle ich auf jeden Fall einen Wechsel ins Original. Mir erging es damit merklich besser.
Ich würde gerne mehr Begeisterung für So Let Them Burn aufbringen. Die Ansätze für ein mitreissendes Abenteuer sind da, aber das Buch hat für mich nie die Mindesttiefe erreicht, die es brauchen würde, um wirklich Emotionen zu wecken. Und ich mag ja etwas sensibel und pedantisch sein, wenn es um Übersetzungsmakel geht, aber irgendwann gingen sie für mich ins Unprofessionelle.
Fazit: 3 ⭐️, wobei gut die Hälfte des Notenabzugs für die Übersetzung ist.
Die Welt von Faron und Elara hat mich trotz meines Gemeckers neugierig gemacht und ich will wissen, wie ihre Geschichte endet! Ich erwarte aber nicht, gross mit den Figuren miteifern zu können. Oh, und nächstes Mal wird von Anfang an auf Englisch gelesen.