“Das Beste sind die Augen” überzeugt mit einer Mischung aus Mitfiebern, Mitgefühl und etwas Nervenkitzel. Je tiefer man in die Geschichte eintaucht, desto häufiger erwischt man sich, wie man ein Auge geschlossen hält und trotzdem weiterlesen möchte. Obwohl die Sprache einfach und der Lesefluss gut gelingt, ist es dennoch aufgrund der vielen “Augen”-Passagen nicht immer eine ganz so leichte Kost. Apropos Augen: Es spricht für die Autorin, dass sie die “Augen” und das Augenthema generell so oft und wiederholend einbaut oder erwähnt und ich als Leser trotzdem nicht gelangweilt bin.
Besonders die vergleichsweise in den Hintergrund gedrängten Charaktere verdienen grössere Aufmerksamkeit. Da gibt es die Schwesterbeziehung, das zerrüttete Familienleben und, neben der Protagonistin Ji-won, die besonders tragische Figur der Mutter. Gerade bei den Figuren wäre mehr Potenzial drin gewesen, so wirken Mutter, George, Geoffrey und alle anderen (bis auf die Schwester) gleichsam puppenartig wie überzeichnet. Insbesondere gegen Schluss verliert sich das Buch ein wenig in der Story um die Augen und vernachlässigt sehr stark eine glaubwürdigere Figurenentwicklung. Einzig Ji-won bleibt durchwegs klar. So tritt sie durchaus auch als unsympathische Protagonistin auf, die sich während des gesamten Buches über in diesem Graubereich bewegt, in dem man nicht weiss, ob man sie bemitleiden oder verurteilen sollte.
Alles in allem ein spannendes, psychologisches Buch mit viel Spannung und dafür ein paar Schwächen bei den Figuren und bei den gesellschaftskritischen Themen, die leider etwas zu plakativ einfach genannt werden, anstatt wirklich zu behandeln und einzubetten - da wäre durchaus mehr Potenzial gegeben. Warum dieses Buch als “feministischer Horror” getitelt wird, erschliesst sich mir jedoch bis heute nicht.