In „Miroloi“ erzählt Karen Köhler von einer jungen Frau, ohne Namen, ohne Rechte, die sich auflehnt. Es ist ein eindrucksvolles Romandebüt, der die Themen Isolation, Tradition und den Drang nach Veränderung miteinander verwebt. Die fiktive Insel, auf der die Geschichte spielt, dient als Metapher für alle Arten von geschlossenen Systemen – sei es politisch, gesellschaftlich oder religiös. Köhlers Roman ist in Strophen gegliedert, in schöner, prosaischem Sprachstil - um sich von der Realität abzugrenzen hat die Autorin neue Wörter für alltägliche Gegenstände erfunden und auch erklärt wofür sie gut sind. Sehr schön umgesetzt. Köhler erzählt detalliert über den Alltag und wie die Dorfbewohner sich vor der Aussenwelt verschließen, aus Angst vor dem Unbekannten und in dem Glauben, dass das „Böse“ außerhalb ihrer Grenzen lauert und wie die gequälte Frau ohne Namen sich einen Namen macht und ihre Flucht und ihren Aufstand plant.
Im Prinzip ist es ein Totenlied (Miroloi sei der griechische Ausdruck dafür), welches in bestimmten Kulturen am Ende eines Menschenlebens über diesen gesungen wird. So “singt” die Frau ohne Namen ihre Lebensgeschichte in Prosa - ob sie tatsächlich stirbt verrate ich hier nicht.
„Miroloi“ ist nicht nur eine Geschichte über das Aufeinandertreffen von Fortschritt und Tradition, sondern auch eine ergreifende Erzählung über Selbstermächtigung. Eine Leseempfehlung!