Monika Kim legt mit Das Beste sind die Augen einen Roman vor, der auf eindrückliche Weise zwischen Familiengeschichte, psychologischem Drama und surrealen Elementen oszilliert. Erzählt wird die Geschichte von Ji-won, einer jungen Frau aus einer koreanischen Familie in Kalifornien, die gemeinsam mit ihrer Schwester und der Mutter vom Vater verlassen wird. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich eine Geschichte, die immer tiefer in eine verstörende Welt aus Obsession, Gewalt und innerer Zerrissenheit führt.
Das Motiv der Augen ist dabei zentral. Anfangs in kulturellen Ritualen und familiären Beziehungen verankert, verwandelt es sich zunehmend in eine groteske und bedrohliche Obsession, die sich in Gewaltakten materialisiert. Ji-wons Wahrnehmung schwankt zwischen Klarheit und „Umnebelung“; sie reflektiert hochdifferenziert über Macht, Rassismus und patriarchale Strukturen, handelt zugleich aber impulsiv und zerstörerisch. Gerade dieser Kontrast macht das Buch so irritierend und vielschichtig.
Die Figurenkonstellationen sind geprägt von Macht, Abhängigkeit und Manipulation. George verkörpert koloniale und patriarchale Dominanz, während die Mutter zwischen Verliebtheit und Ausnutzung schwankt. Die Schwester Ji-hyun bleibt Beobachterin, deren Sorge um Ji-won zunehmend dringlicher wird. Beziehungen zu Mitschülern [Alexis und Geoffrey] bewegen sich zwischen Nähe, Begehren und Verrat.
Am Ende steht kein klarer Abschluss, sondern ein offener, unruhiger Ausblick. Ji-won richtet ihren Blick erneut auf ihren Vater, als wäre der Zyklus von Schuld, Vergeltung und Gewalt noch nicht beendet. Auch die medizinische Diagnose eines Hirntumors bietet keine eindeutige Erklärung, sondern verstärkt die Ungewissheit, ob wir es mit Wahn, Krankheit oder brutaler Realität zu tun haben.
Mein persönliches Fazit: Das Beste sind die Augen ist ein radikal verstörender, zugleich sprachlich präziser und symbolisch vielschichtiger Roman. Er bewegt sich irgendwo zwischen Coming-of-Age, Gesellschaftskritik und Horrorfiktion. Gerade diese Irritation macht die Lektüre so eindringlich. Ein Buch, das nicht nur unterhält, sondern nachhaltig beschäftigt. Mir hat es grossen Spass gemacht, das Buch zu lesen.