Simone Meiers Roman Die Entflammten entfaltet ein Doppelporträt zweier Frauen, die durch Zeit und Lebensumstände voneinander getrennt sind – und doch miteinander verknüpft werden. Im Zentrum steht Jo van Gogh-Bonger, die Schwägerin des berühmten Malers Vincent van Gogh, deren Lebensleistung darin besteht, das Werk des Künstlers nach dessen Tod in die Welt zu tragen. Jo wird als entschlossene, kluge und unabhängige Frau gezeichnet, die sich gegen gesellschaftliche Erwartungen stellt und mit beeindruckender Beharrlichkeit ihren Weg geht.
Jo ist das historische Herzstück des Romans – eine Frau, die nicht nur die Kunst, sondern auch die Erinnerung bewahrt. Ihre Geschichte ist kraftvoll, inspirierend und von einer stillen Radikalität durchzogen, die mich tief berührte und faszinierte.
Dem gegenüber steht Gina, eine junge Kunsthistorikerin der Gegenwart, die sich in Jo hineinliest und dabei auch ihre eigene Familiengeschichte reflektiert. Gina ist ein ambivalenter Charakter: intellektuell, aber oft selbstbezogen; sensibel, aber auch von einer gewissen Arroganz durchdrungen. Ihre Perspektive dient als literarische Rahmung, doch ich wurde mit ihr nicht warm. Ihre Suche nach Sinn und Selbst wirkt im Vergleich zu Jos Lebenswerk blass – fast wie ein Spiegel, der mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit erzählt.
Für Leserinnen und Leser, die sich von historischen Biografien und starken Frauenfiguren angezogen fühlen, bietet Die Entflammten eine eindrucksvolle Erzählung. Die Verbindung zwischen Jo und Gina mag nicht überzeugend sein – gerade wenn Gina als überheblich oder selbstverliebt erscheint – doch sie eröffnet eine Reflexion über die Frage, wie Geschichte weiterwirkt und wie wir heute mit dem Erbe der Vergangenheit umgehen.
Fazit: Die Entflammten ist ein Roman über Leidenschaft, Beharrlichkeit und die Macht der Erinnerung. Jo bleibt als Figur lange im Gedächtnis – Gina hingegen wird verblassen.